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Volkshaus Tungendorf

Ein erster Überblick

Volkshaus Tungendorf

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der rasanten Industrialisierung der Ruf nach Verbesserung der Lebensverhältnisse immer lauter wurde, entschloss sich die Arbeitergemeinde Tungendorf, ein Volkshaus im Sinne der Volkshausbewegung zu bauen (1919–1922). Als Werk des Reform- und Heimatschutzarchitekten Ernst Prinz (1878–1974) verdeutlicht die repräsentative Anlage die sozialpolitischen Absichten und die Bedeutung, die dem Volkshaus und seinem Garten als gesellschaftlichem Zentrum zugedacht war. Im Sinne der „Gartenkunstreform“ spiegelt das Lindenraster in klaren Formen und Raumaufteilungen die Nutzungen des Hauses im Garten wider, zu dem auch der angrenzende, mit einer Lindenrahmung eingefasste Sportplatz gehört. So gab es hier Plätze für geselliges Beisammensein, für Spiel, Sport und Gemüseanbau, und vielleicht wurde die Ernte sogar in der eigenen Lehrküche verarbeitet. Noch heute ist die Gesamtanlage mit ihren vielfältigen Angeboten ein Ort der Begegnung im Stadtteil.

Das Volkshaus entsteht

Die Industrialisierung hatte, wie in so vielen Städten, auch in Neumünster zu angespannten Lebensverhältnisse geführt. In der bis dahin ländlichen Dorfgemeinde Tungendorf am Rande Neumünsters schritt die Bebauung mit Arbeiterquartieren zu Beginn des 20. Jahrhunderts voran. Bereits während des ersten Weltkrieges reifte daher die Idee, ein Volkshaus in Tungendorf zu errichten.

Die Volkshausbewegung oder auch Settlement-Bewegung hatte ihren eigentlichen Ursprung in England und den USA, wo die Industrialisierung früher als in Deutschland einsetzte. Wegbereiter waren der Akademiker Arnold Toynbee und Samuel A. Barnett, Kurator der Church of England, die 1884 die noch heute bestehende Toynbee Hall als Zentrum sozialer Reform in Londons East End gründeten. Zu ähnlichen Entwicklungen kam es in etwa zeitgleich auch in New York. Wunsch der Reformer war es, gemeinnützige Einrichtungen als Nachbarschaftsheime in den großstädtischen Siedlungsgebieten zu schaffen. Angeregt durch diese Vorbilder wurde 1901 in Hamburg der Verein „Volksheim“ gegründet, dem auch an der Verbesserung der Beziehungen zwischen Arbeitern und gebildeteren Kreisen gelegen war. Der Verein verfasste Schriften zur Jugend- und Bildungsarbeit und gab Anregungen zur Entwicklung von Volkshäusern.

Das Programm des Volkshauses in Tungendorf zielte auf die Verbesserung der Kinder- und Erwachsenenbildung, auf körperliche Ertüchtigung und geselliges Beisammensein und beherbergte einen Turn- und Gemeindesaal, ein Jugendheim, eine „Warteschule“ für noch nicht schulpflichtige Kinder und das Kreiswaisenheim. Auch ein Laientheater, eine Bücherei und eine Lehrküche sowie eine Badeanstalt mit Wannen- und Duschbädern waren im Gebäude untergebracht. Das Volkshaus als geschätzte „Ortskrone“ Tungendorfs hatte in den 1920er Jahren einen hohen Anspruch als geistiges, soziales und gesellschaftliches Zentrum. Heute steht das Volkshaus als seltenes erhaltenes Ensemble seiner Art unter Denkmalschutz.

Der Architekt Ernst Prinz

Die Bedeutung des Volkshauses drückte sich auch im Bau des Volkshauses aus, der als repräsentative symmetrische Dreiflügelanlage von dem Kieler Architekten Ernst Prinz (1878–1974) entworfen wurde. Prinz, einer der bedeutendsten Reform- und Heimatschutzarchitekten Schleswig-Holsteins, hatte sich durch Studienaufenthalte in Berlin und Karlsruhe und die Arbeit außerhalb seiner schleswig-holsteinischen Heimat sowie durch Reisen in viele europäische Länder und die USA einen weitreichenden Erfahrungsschatz angeeignet. Gleichzeitig hatte er ein ausgeprägtes Gefühl für die Landschaft, das Klima und die Bauten Schleswig-Holsteins. Diese Kombination ermöglichte es ihm, mit unvoreingenommenem Blick nach außen und wieder zurück eine weltgewandte Heimatliebe in seinem Werk umzusetzen und traditionelle Bauformen ganz eigenständig künstlerisch zu bearbeiten. Er wurde so zu einem der führenden Vertreter eines neuen Baustils in Schleswig-Holstein, der von den Ideen der reformorientierten Heimatschutzbewegung getragen war. Ziel der Reformarchitekten – darunter neben Prinz auch Heinrich Bomhoff, Johann Garleff, Heinrich Staff oder Johann Theede – war es, einen musterhaften regionaltypischen neuen Baustil zu entwickeln, der Traditionelles in moderner und handwerklich-künstlerisch ausgefeilter Form weiterentwickelte.

Das repräsentative, vom Barock inspirierte Volkshauses Tungendorf wird von der Fachwelt noch als ein Bau der Orientierungsphase in der Entwicklung des Architekten und eines neuen Baustils betrachtet. Prinz verfolgte hier das Ziel, neue gesellschaftliche und demokratische Werte durch bekannte Elemente vergangener Herrschaftsarchitektur zu unterstreichen. Dabei machte er beispielsweise eine monumentale, offene Säulenveranda zur Eingangsloggia für den Spielsaal des Kindergartens. Hier konnten die Kinder bei schlechtem Wetter im Freien spielen.

Grüne Zimmer unterm Lindendach

Das Haus war zusammen mit dem Garten als fest gefügte Einheit gestaltet. Ein strenges, ehemals geschnitten geplantes Baumraster aus Linden setzte in klaren architektonischen Formen die Raumgliederung und repräsentative Wirkung des Hauses in den Garten fort und lenkte gleichzeitig Blick und Schritt zum Haus mit seinen verschiedenen Einrichtungen. Der Eingang von der Straße mit seinem baumumstandenen Vorplatz und die gesamte Gartenanlage rückten das Gebäude in den Mittelpunkt und interpretierte so in neuen Formen spätbarocke Architekturvorstellungen. Innerhalb dieser achsialen Formstrenge aber luden „grüne Zimmer“ und Wiesenflächen zu unterschiedlichen Nutzungen ein, verband sich der straffe Rahmen mit einer neuen Zweckdienlichkeit: Gleich hinter dem Garteneingang führte ein Weg rechts zur Warteschule, links zum Jugendheim und in der Mitte zum Turn- und Gemeindesaal. Bäume umschlossen einen Spielplatz für Kleinkinder und ein eben solcher Platz vor dem Jugendheim diente als Wäschetrockenplatz für die Schülerinnen. Ein Turnplatz befand sich hinter dem Haus.

Der große Sportplatz zur körperlichen Ertüchtigung besitzt noch heute seine beeindruckende Lindenrahmung. Die schleswig-holsteinische Landschaft integrierte Prinz durch die Umfriedung des Grundstücks mit Wallhecken (Knicks), die an die ehemals bäuerliche Koppelnutzung erinnerten.

Eine Gedenkstätte für die Gefallenen und Vermissten des Ersten Weltkriegs wurde von Prinz in die Anlage einbezogen. Sie wurde 1974 zum Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs erweitert und umgestaltet. 1934 entstand südlich des Volkshauses, an der Stelle des ehemaligen Spielplatzes, ein eingeschossiges Bürogebäude nach Plänen von Hugo Schlüter, welches heute als Polizeistation dient.

Schulgärten und Selbstversorgung

Stallgebäude und einige alte Obstbäume erinnern daran, dass auch Überlegungen zur Selbstversorgung in die Gestaltung der Außenanlagen am Volkshaus einflossen. Eigene Gemüsegärten standen für Lehrerin, Kindergärtnerin, Schwester und Hauswart zur Verfügung. Für Lehrzwecken sahen die Pläne von Prinz einen Schulgarten vor und sicherlich wurde das angebaute Obst und Gemüse auch in der Lehrküche bei der Ausbildung der Schülerinnen verwendet.

Adresse

Hürsland 2
24536 Neumünster

Eigentümer: Stadt Neumünster

Öffnungszeiten

ganzjährig frei zugänglich
Eintritt: kostenfrei

Anreise

Icon Parken straßenbegleitend

Icon Eisenbahn Neumünster

Icon Bus 2, 22 "Volkshaus"

Serviceinformationen

Icon Hund erlaubt   Icon Rollstuhl (teilweise)

Angebote

Führungen: Führungen auf Anfrage bei der Tourist-Information Neumünster, T 04321 – 43280

Gärtnereien & Läden

Gärtnereien: Hofläden am Norderdorfkamp
Paulwitz Pflanzenhof und Floristikgartencenter
Tungendorfer Baumschulen

Weiterführende Informationen

Tourist-Information Stadt Neumünster

 

Kontakt

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