Route 6: Neumünster
Zu grünem Werk und Ernteglück
Nord- und Südfriedhof

Ein erster Überblick

Nord- und Südfriedhof

Die Entwicklung Neumünsters zum wichtigen Industriestandort mit Tuch- und Lederwerken spiegelt sich auf den beiden Friedhöfen in den Gräbern bekannter Fabrikantenfamilien. Ein Gedenkstein erzählt auch vom Schicksal der 1888 bei einem Brand verunglückten Arbeiter der Tuchfabrik Köster. Die ältesten Gräber sind auf dem Nordfriedhof zu finden, der 1869 geweiht wurde. Aus dieser Zeit stammt noch eine ungewöhnlich alte Schwedische Mehlbeere (Sorbus intermedia). Zu ausdrucksvollen Grabfiguren gesellen sich hier kunstvolle Grabstätten mit Jugendstilelementen. Besonders eindrucksvoll ist das mit Terrakotten geschmückte Mausoleum Moll von 1912/13. Der waldartige Südfriedhof mit seinen schönen Vegetationsbildern entstand 1929. In die durchgestaltete Anlage wurden im Laufe der Zeit neue markante Akzente wie die Lutherrose harmonisch integriert. Beeindruckend ist das in dunkelblauer Keramik schimmernde, raumgreifende Kruzifix des Bildhauers Professor Jan Koblasa in der neuen Friedhofskapelle.

Die Friedhöfe entstehen

Die Entstehung der Friedhöfe in Neumünster ist bislang noch kaum erforscht. Bekannt ist, dass der Nordfriedhof im Jahre 1869 eröffnet wurde, um den Kirchhof an der Anscharkirche abzulösen, der seit 1813 in Benutzung war. Der erste Friedhof in Neumünster aber wurde an der heutigen Vicelinkirche, der ehemaligen Bartolomäus-Kirche am Kleinflecken angelegt, wo rund 700 Jahre lang von 1125 bis 1813 Beerdigungen stattfanden.

Schrittweise wuchs der Nordfriedhof nach seiner Eröffnung auf seine Größe von 13 Hektar an. Dies lässt sich an den aneinandergrenzenden Gestaltungszonen ablesen: Der frühe Teil ist schlicht im rechteckigen Raster mit Alleen angelegt. Hier befand sich auch einst die Friedhofskapelle von 1868. Diese wurde erst 1972 abgerissen und an ihrer Stelle die „7 Steintafeln“ zum Gedenken errichtet.

Später dann kamen die geschwungen-geometrischen Partien im Osten des Friedhofs hinzu. Verbunden sind die einzelnen Gestaltungsbereiche durch den imposanten alten Baumbestand.

Der Südfriedhof dagegen wurde als geplante Gesamtanlage 1929 eröffnet. Vermutlich lieferte der Hamburger Gartenarchitekten Schackendorf dazu die Pläne. Die ungewöhnliche und expressionistisch anmutende Friedhofsmauer aus Klinkerstein, die den Friedhof einfasst, wurde wahrscheinlich vom Architekten Otto Lippelt entworfen, der seit 1925 als Baupfleger der Kirche in Neumünster tätig war.

Als Friedhofsverwalter (1946–1960) legte der Gartenarchitekt Karl von Schierstedt 1948 im Zusammenhang mit der Anlage zum Gedenken an die Kriegstoten eine neue Gestaltung über die Friedhofsanlage.

Er entwarf eine lange Sichtachse von der Plöner Straße bis zum gewaltigen Hochkreuz, um welches sich die Kriegsgräber gruppieren. Dazu wurde auch der Standort für eine neue Auferstehungskapelle (1958, Umbau 1997), der ursprünglich in der Mitte der großen Rasenfläche an der Plöner Straße liegen sollte, zur Seite verschoben. Die Neuanlage wurde damals allgemein wegen ihrer schlichten Angemessenheit bewundert und war ein Vorbild für andere Friedhöfe im Lande. Schierstedt entwarf auch viele weitere Gefallenenehrenmale und Friedhofsanlagen in ganz Schleswig-Holstein und beriet andere Gemeinden. Sein Grabmal ist im Osten des Nordfriedhofs zu finden.

Fabrikantengeschichten

Die Industriegeschichte Neumünsters lässt sich auf den Friedhöfen gut nacherleben. Hier finden sich die Familiengrabstätten einflussreicher Industriefamilien, darunter die der Tuch- und Lederfabrikanten Sager, Köster, Simons, Renck, Bartram, Wagner, Rohwedder oder Hanssen und die der Verleger Wachholtz, deren Villen und schöne Gärten in Teilen heute noch die Stadt Neumünster schmücken und Teil der Gartenroute sind.

Auch das Grab Max Röers, der von 1894 bis 1919 Bürgermeister der Stadt Neumünster war, liegt auf dem nordöstlichen Nordfriedhof. Die Stadt erlebte zu seiner Amtszeit einen großen Aufschwung. Auf seine Initiative wurden damals die Fabriken aus dem Ortskern verlagert und die Wrangelstraße als Industriegebiet mit Bahnanschluss angelegt. Auch die Entwicklung der Neumünsteraner Kleingärten wurde von Röer befördert.

Viele der Grabsteine der Fabrikantenfamilien sind von künstlerischem Wert und wurden von Architekten und Künstlern entworfen, die oft auch zum Bau der Fabrikgebäude, Villen und Landhäuser zu Rate gezogen wurden. Damit geht nicht selten eine einheitliche Handschrift durch die Bauten und Grabstätten der Familien.

Besonders imposant ist das Mausoleum der Familie Moll auf dem Nordfriedhof, die eine Eisengießerei und ein Emaillewerk in St. Petersburg und ein Werk in Neumünster betrieb. Das Mausoleum entstand nach Plänen des Architekten Roß in den Jahren 1912–13, der auch die Villa der Familie entworfen hatte. Höchst kunstvoll ist das mit Terrakotten verzierte Mausoleum mit seiner Innenbemalung und der Figur einer Trauernden aus Marmor, die vermutlich vom Bildhauer Isenbeck (1882–?) stammt. Harmonisch fügen sich auch die Säulen aus Muschelkalk und die schmiedeeisernen Gitter der Werkstatt Bergner & Franke aus Weimar in die Gestaltung.

Eine weitere interessante und kunstvolle Grabstätte ist die des Tuchfabrikanten Anton Sager (–1951). Auch diese Anlage wurde vom Architekten Roß mit Jugendstilgitter entworfen. Skulptur und Grabplatten aus Muschelkalk sind ebenso ein Werk des Berliner Bildhauers Ludwig Isenbeck, der auch die Außenreliefs an der Taufkapelle der Anscharkirche fertigte. Anton Sager selbst war einer der engagiertesten Bürger für den Wiederaufbau der Anscharkirche nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ähnlich gefühlsbetont und kunstvoll ist die Trauernde aus Bronze unter einer Trauerbuche auf dem Grabmal des Tuchfabrikanten Christian Friedrich Köster, die zu Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Nordfriedhof errichtet wurde. Andere Grabstätten, wie die des Lederfabrikanten Emil Köster von 1923 verwenden einfachere Formen aus Granit und Gußeisen, die den Charakter der ehemaligen Industriestadt passend widerspiegeln.

Einige Gräber erzählen auch so manche Geschichte. So verunglückte Ludwig Simons, der die gleichnamige Tuchfabrik in der Gartenstraße besaß, 1945 bei einem Autounfall tödlich, als er mit der englischen Besatzungsmacht in Hamburg verhandelte, um die Demontage der Maschinen der Neumünsteraner Tuchfabriken zu verhindern.

Die Familie Renck war eine der ältesten Tuchmacherfamilien in Neumünster und die erste, die 1824 eine Dampfmaschine in ihrer Fabrik auf der Klosterinsel eingesetzte. Der letzte Erbe, Heinrich Renck, war ein bedeutender Mäzen für die Stadt und noch heute gibt es eine Renck-Stiftung bei der Stadt Neumünster. So spendete er erheblich für die Vicelinkirche, ebenso für den Neubau der Anscharkirche. Auch den Rencks Park hat die Stadt ihm zu verdanken.

Weitere Informationen zu den Grabstätten bekannter Persönlichkeiten auf den beiden Friedhöfen geben zwei Broschüren, die in der Friedhofsverwaltung erhältlich sind.

Pflanzenbild und Lutherrose

Der älteste Baum des Nordfriedhofs ist eine Schwedische Mehlbeere (Sorbus intermedia), die sicherlich über 100 Jahre alt ist und vielleicht schon aus der Zeit der Einweihung des Nordfriedhofs im Jahre 1869 stammt. Nur wenige Exemplare dieser Baumart erreichen dieses Alter und eine solch beeindruckende Erscheinung. Unterstützt wird dieser Baum mit einem speziellen Anker, der seine Krone vor dem Auseinanderbrechen sichert.

Der schöne waldartige Südfriedhof besticht durch seine interessanten Pflanzenbilder. Unter dem Dach aus alten Bäumen breitet sich ein gut gepflegter Teppich aus Dickmann (Pachysandra terminalis), Gräsern oder Storchenschnabel (Geranium). Am Anfang der langen Wegeachse durch den Friedhof legt sich ein bewegtes Band aus bunten Waldstauden um den samtgrünen Rasen an der Plöner Straße.

Von tiefer Ruhe ist das Feld aus Erika unter alten Kiefern und Birken zum Gedenken an die Kriegstoten, das im späten Winter mit rosafarbener Blüte glüht. Den Rest des Jahres sprießen knallrot Blüten hier und da aus dieser sanft grün-braunen Pflanzung.

Eine besondere Anlage ist das in Form der Lutherrose, des Wappens des Reformators, im Frühjahr 2005 neu eingeweihte Urnenfeld. Die Mitte dieser runden Anlage bildet ein mit Glas gefülltes bankförmiges Kreuz aus alten Grabsteinen, auf dem man sich geruhsam niederlassen kann. Gerahmt wird dieses Kreuz von Wegen, die ein Herz in graubrauner Farbe in die Fläche malen. Diese führen zu Eisenkonstruktionen mit geschmiedeten christlichen Symbolen, an denen Grabplatten aus Granit in goldener Farbe die Namen und Daten der Verstorbenen zeigen.

Die weiße Rose, die das Herz in Luthers Wappen umschließt, wird durch die Bepflanzung nachgezogen. Rundum funkelt blauer Splitt aus Glas wie der Himmel im Sonnenlicht.

Ein Buch aus Stein

Auch andere philosophisch-kunstvolle Gestaltungen finden sich auf den Friedhöfen. So stammt eine dreiköpfige Stele auf dem Südfriedhof vom Bildhauer Hermann Pohl aus Kassel, der auch einige weitere Grabsteine hier gestaltete. Der ehemalige Friedhofsleiter von Schierstedt hatte den Bildhauer in der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal kennengelernt.

So wurden 1974 auch die sieben Steintafeln (1917) aus Würzburger Muschelkalk von Pohl an Stelle der alten Kapelle auf dem Nordfriedhof aufgestellt. Sie versinnbildlichen den Lebensweg von der Geburt bis zum Tod. Wie ein hebräisches Buch liest man die Tafeln dabei von rechts nach links:

Tafel I: Schöpfung: der Geist Gottes schwebt auf dem Wasser

Tafel II: Geburt: Weihnachtsgeschichte

Tafel III: Liebe: Hohelied Salomons

Tafel IV: Leiden und Sterben: Gestalten von Kain und Abel

Tafel V: Christus erweckt den toten Lazarus

Tafel VI und VII: Das Vollkommene: Der thronende Christus

Ausführliche Informationen hierzu enthält das Buch „Bejahtes Leben und Sterben“ von Propst Dr. Karl Hauschildt, das in der Friedhofsverwaltung erhältlich ist.

Die neue Auferstehungskapelle – ursprünglich 1957/58 nach Plänen des Architekten Friedrich Wilhelm Hain errichtet und 1997 durch seinen Sohn und andere erneuert, wartet mit einem weiteren bedeutenden Kunstwerk auf. Der Bildhauer Professor Jan Koblasa aus Hamburg hat hier einen schlichten Altar aus Anröchter Sandstein und ein beeindruckendes Kruzifix aus dunkelblau glasierter Keramik geschaffen. Inspiriert von Leonardo da Vincis „Verkündigung“ und dem „Letzten Abendmahl“, von Raffaels „Sixtinischer Madonna“ und Michelangelos „Pieta“ erzählt das Kreuz vier Geschichten aus dem Leben Christi.

Adresse

Plöner Straße 130
24536 Neumünster
Telefon 04321 – 92670

Öffnungszeiten

15.3.-31.10.: tägl. 7-19 Uhr, 1.11.-14.3.: tägl. 7.45-17.15 Uhr, Verwaltung Mo-Fr 8-12 Uhr & Mo-Do 14-16 Uhr
Eintritt: kostenfrei

Anreise

Icon Parken Friedhofseingang Plöner Straße

Icon Eisenbahn Neumünster

Icon Bus 14 & Anruf-Linientaxi B "Südfriedhof", "Nordfriedhof"

Serviceinformationen

Icon WC   Icon Hund erlaubt   Icon Rollstuhl

Angebote

Führungen: Führungen auf Anfrage, T 04321 – 92670
Veranstaltungen: Gottesdienste und gelegentliche Kulturveranstaltungen in der Kapelle auf dem Südfriedhof.

Gastronomie

Hotel Hildebrandt's Das grüne Stadthotel

Veranstaltungsorte

Kulturstätten: Auferstehungskapelle auf dem Südfriedhof

Weiterführende Informationen

Tourist-Information Stadt Neumünster

 

Kontakt

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