Route 6: Neumünster
Zu grünem Werk und Ernteglück
Gartengemeinschaft West

Ein erster Überblick

Gartengemeinschaft West

In der Gartengemeinschaft West empfängt den Besucher eine lebhafte Mischung aus Hügelbeet und Blumenpracht, Gemütlichem und Kuriosem. Die liebevoll dekorierte, blütenumrankte Laubenvielfalt liegt eingebettet in Melonen, Kohl und Bohnen, zwischen denen hier und da auch ein Gartenzwerg hervorlugt. Im Zentrum der Anlage lädt die Gemeinschaftshalle zu Kaffee, Tanz und Klönschnack. Hier wird auch Honig von Bienen aus der Kolonie zum Kauf angeboten. 1910 gründete der Lehrer Hans Saß mit seinen Weggefährten die „Kolonie West“. Diese wurde zu einer deutschlandweit beachteten Musteranlage. Ihren Lauben wurde „allgemein guter Geschmack“ bescheinigt! Dennoch mussten die Kleingärten 1937 für den Bau eines Flughafens der Wehrmacht weichen und konnten erst 1950 an ihrem alten Platz neu errichtet werden. In der Nachkriegszeit waren die Gärten besonders wichtig zur Versorgung der Bewohner der damals neu entstehenden Böckler-Siedlung. Heute hat auch der Gartensessel zwischen Hacke und Spaten einen festen Platz.

Geselligkeit und Selbstversorgung

Der Pächterkreis der Gartengemeinschaft pflegt ein geselliges Gemeinschaftsleben. Es trifft sich Jung und Alt, vom Gummistiefel bis zum Hackenschuh und jeder Gartenfreund ist höchst willkommen. Es geht darum, den Tisch mit frischem Obst und gesundem Gemüse aus eigenem Anbau zu bereichern und mit den Nachbarn Rat und Tat zu tauschen. Auch lässt sich der Alltag mit einer Tasse Kaffee im Lehnstuhl in der Blütenfülle gut versüßen. Die unterschiedlichsten Ideen, Traditionen und Kulturen zeigen sich von Laubenbau bis Obstkultur. Dabei wandert auch die Quittenmarmelade gelegentlich vom Gimpelstieg zum Anemonenweg. Einmal im Jahr ist Knoblauch-Klausens Ernte heiß begehrt, wenn eine gute Knoblauchsuppe hergezaubert wird. Wer gerne Eier in die Pfanne schlägt, ist wiederum bei Hühner-Hermann gut beraten – man hilft sich mit viel Spaß und Engagement.

Mit einem Garten in der Gemeinschaftsanlage ist man auch fitnessmäßig auf der Höhe, zumal sich in der neuen Gemeinschaftshalle heute auch das Tanzbein schwingen lässt. Ein Tanzclub lädt regelmäßig zu Tanztee, Training und Turnier. Auch ein Café und ein Veranstaltungsraum sind hier zu finden.

Für Kinder sind die Gärten wie ein kleines Paradies: Im Schutz von grünen Hecken lässt sich Natur erleben, von Beeren naschen, Vögeln lauschen und an Pflanzen schnuppern oder mit Freunden und Familie ein launiges Wochenende im Grünen verbringen.

Schrebergartens Anfang

Schleswig-Holstein – oder genauer der Landesteil Schleswig – ist die Wiege des Kleingartenwesens in Deutschland. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden hier, in Kappeln, nach Anordnung des Statthalters des Dänischen Königs, des Herzogs Carl von Hessen, die sogenannten Carls-Gärten als erste Armengärten. Diese kleinen Gärten sollten dazu beitragen, die Ernährung und den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu verbessern. Im Zuge der Industrialisierung wurden auch in anderen Städten Deutschlands solche Gärten angelegt.

Weiter getragen wurde die Idee der kleinen Gärten durch den Leipziger Arzt Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808–1861), der sich für die körperliche Ertüchtigung und die Naturerziehung der Kinder einsetzte. Eigentlich war es jedoch erst sein Schwiegersohn, der Schuldirektor Ernst Innocenz Hauschild, der 1864 in Leipzig den "Schreberplatz" anlegte, um Schrebers lang gehegten Wunsch nach Spiel- und Turnplätzen posthum umzusetzen. Ein Lehrer namens Heinrich Karl Gesell war es dann, der an diesem Platz auch Gärtchen anlegte, in denen Kinder das Gärtnern lernen sollten. Doch bald schon griffen auch die Eltern selbst zum Spaten. Aus den Kinderbeeten wurden Beete für die ganze Familie, die man später parzellierte und umzäunte und als "Schrebergarten" bezeichnete.

Neumünsters Mustergärten

In der wachsenden Industriestadt Neumünster legte zunächst um 1890 der Tuchfabrikant Julius Sager eine erste Siedlung mit Gärten für seine Arbeiter in der Christianstraße und der nach ihm benannten Juliusstraße an. Auch andere folgten diesem Beispiel, wie die Bahn, die Lederwerke Wieman oder die Tuchfabrikanten Ludwig Simon und Julius Bartram. Diese Werkssiedlungen mit ihren Gärten sollten den Arbeitern die Möglichkeiten geben, sich mit eigenen Erträgen zu versorgen und sicher spielte auch unternehmerisches Kalkül dabei eine Rolle, denn gesunde, zufriedene Mitarbeiter waren für die Werke wichtiges Kapital.

Echte Schrebergärten entstanden erst sehr spät in Neumünster. Der Anstoß hierzu kam 1906 durch eine Gartenbauausstellung des damaligen Gärtnervereins „Erika“, was bald darauf zur Gründung eines Obst- und Gartenbauvereins für Neumünster führte. Der erste und langjährige Vereinsvorsitzender war der Lehrer Hans Saß (1856–1930). Unterstützung fand die Idee der Schrebergärten beim Bürgermeister Max Röer und auch der Fabrikant Renck spendete mehrfach für die Anlage von Gärten und wurde zum Ehrenmitglied des Gartenbauvereins.

Saß und seine Mitstreiter gründeten zunächst eine Kolonie an der Boostedter Straße und ab Herbst 1910 dann die große „Kolonie West“ mit 200 Gärten, Gemeinschaftshalle und Kinderspielplatz an der Wasbeker Straße. Diese Anlage wurde am 11.8.1912 offiziell eingeweiht. Jeder der 400 m² großen Gärten war mit mindestens vier Obstbäumen bepflanzt. Besonderer Schmuck waren auch die Blumenrabatten und Obstbaumalleen entlang der Wege sowie eine rahmende Vogelschutzpflanzung mit Nistkästen. Stadt und Außenstehende waren voll des Lobes für die vorbildlichen Gärten.

Der Ruf der Neumünsteraner Schrebergärten war sogar so gut, dass der Verein gebeten wurde, zwei farbige Pläne ihrer ersten Schreberanlagen zum Kongreß der Internationalen Arbeitergärten auf der Weltausstellung in Brüssel (1910) zu entsenden. Auch auf der Großen Gartenbau-Ausstellung in Altona wurde 1914 ein Plan der Kolonie „West“ des Gartenarchitekten Harms gezeigt. So stieg die Nachfrage nach Schrebergärten beständig an. Die überwiegende Zahl der Pächter waren Arbeiter, die dadurch zu günstigem Zins in den Genuss eines Gartens kamen.

Obstbaumpacht und Nissenhütten

Nach Kriegsausbruch im Jahre 1914 wurden die Gärten meist nur noch von Frauen und Kindern bewirtschaftet und halfen, den spärlichen Tisch in den Kriegsjahren zu decken. Auch in den Nachkriegsjahren war die Nachfrage nach Gartenland ungebrochen. Sogar die Obstbäume in den Alleen der Kolonie „West“ wurden damals zu 10 bis 20 Mark pro Baum verpachtet. Um Diebstähle zu verhindern, wurden die Kleingärten in dieser Zeit rund um die Uhr bewacht.

Radikale Veränderungen mussten die Neumünsteraner Kleingärten unter den Nationalsozialisten über sich ergehen lassen: 1937 wurde „West“ von der Stadt im Auftrag der Wehrmacht zur Anlage eines Militärflughafens gekündigt. Nach einigem Hin und Her wurde ein Ausweichstandort am Wernershagener Weg von der Stadt zur Verfügung gestellt.

Wieder hatten die Kolonien im Krieg Bedeutung zur Versorgung der Bevölkerung und in der Nachkriegszeit dann wurde auf Grund des Hungers jedes Stück Land gärtnerisch genutzt, zumal die Bevölkerungszahl in Neumünster durch den Flüchtlingsstrom aus den ehemaligen Ostgebieten, wie beispielsweise Pommern, drastisch zunahm. 24.000 Flüchtlinge und Vertriebene kamen damals nach Neumünster. Bis 1948 war der Kleingartenverein vom Wirtschaftsamt zudem beauftragt, Dünger, Saatgut und Gartengeräte auf sogenannte „grüne Karten“ zu verteilen. Pflanzkartoffeln wurden streng bewacht und viele Neumünsteraner wurden damals Mitglied im Kleingartenverein, um in den Genuss der raren Ressourcen zu kommen.

Auch der nun brachliegende Flugplatz wurde umgepflügt und wurde mit Nissenhütten bestückt. Auf Teilen dieses Areals entstand ab 1950 mit Amerikanischen Wiederaufbaugeldern aus dem Marshall-Plan (1947) die Böcklersiedlung. Auf dem westlichen Teil des Flugplatzes wurde die Kolonie „West“ neu errichtet und 1955 eingeweiht. Heute besitzt die Anlage wieder 374 Gärten auf 23 Hektar.

Laubenpracht, Idyll und Ulk

Voll Fantasie und Farbenpracht sind in der Gartengemeinschaft auch die Lauben – nicht viel kommt dabei unverändert von der Stange. Ganz nach Fasson, von ordentlich bis kunterbunt, von schwedisch blau-gelb bis zu gartengrün. So manches alte Fenster, Brett und schöne Gitter verziert ganz nutzvoll ländliche Pracht und Kurioses.

Die Laube ist nicht nur ein Werk der kleinen Gärten. Quer durch die Jahrhunderte schon ranken sich Geschichten durch ihr Lattenwerk. Zunächst stand das Wort „Laube“ nur für ein schützendes Laubdach, das später immer mehr durch berankte Latten und Spaliere ergänzt und fester wurde. Die Leichtigkeit und Transparenz und die Verknüpfung mit dem Garten ist jedoch für Lauben ganz bezeichnend.

Fast paradiesische Gartenlauben fanden sich bereits in der Antike. Vom Mittelalter bis zum Barock dann waren Liebeslauben beliebt in herrschaftlichen Gärten und im 19. Jahrhundert entwickelte sich im bürgerlichen Garten eine echte Gartenlaubenromantik. In den entstehenden Schrebergärten gesellte sich zum Gestalterisch-Verspielten dann immer mehr ein funktionaler Wohn- und Nutzwert für die Pächter, die versuchten, sich eine grüne Unterkunft zu schaffen. Um einen allzu großen Wildwuchs in den Laubenkolonien zu verhindern, entstanden daher bald auch erste Vorschriften für ihre bauliche Gestaltung.

Mit der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zogen immer mehr Familien notgedrungen in den Garten, auch wenn schon damals ein Dauerwohnen dort an sich verboten war. In den zerstörten Städten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Lauben sogar offiziell als Unterkünfte akzeptiert und mit allen möglichen Materialien erweitert und verfestigt. Diese Nutzung zog sich oft bis in die 1950er Jahre und es entstanden häufig komfortable Wohnlauben, die mehr Eigenheimen denn luftigen Gartenlauben glichen. Die größeren Lauben in den Kleingärten haben ihren Ursprung meist in dieser Zeit, bevor Verordnungen dem Bauwunsch Einhalt geboten. Die heutigen Lauben haben wieder mehr von ihrer ursprünglichen pflanzenumhüllten Luftigkeit und bieten auch für summende Insekten Nischen. Mit anderem tierischen Vergnügen wartet ein anderer Garten auf, wo mit viel Witz und Augenzwinkern ein ganzer Kunst-Tierpark entstanden ist.

Von Kohl & Co

Eine große Obst- und Gemüsevielfalt ist in der Gartengemeinschaft heute zu finden. Interessant ist eine alte Liste mit empfohlenen Obstbaumsorten für die Neumünsteraner Kleingärten im Anhang an eine neue Vereinssatzung von 1913. Hier geben „Weißer Klarapfel“, „Cox Orange Reinette“, „Landsberger Renette“, „Boikenapfel“ und „Schöner von Boskop“ ihr Debut. Unter den Birnen sind neben der noch heute bekannten „Williams Christbirne“ und der „Guten Luise von Avranche“ auch die „Lübecker Sommer Bergamotte“, „Neue von Poiteau“ und „Graf Moltke“ aufgelistet. Auch Steinobst, darunter solche mit Namen wie „Große Lange Lotkirsche“, „Wangenheims Frühzwetsche“, „Hauszwetsche“ und „Große Grüne Reineclaude“ finden besondere Erwähnung. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaß die Kolonie „West“ sogar einen Obstmustergarten, der Anregungen für den eigenen Schrebergarten gab.

Waren in den 1950er Jahren Kartoffeln, Möhren, Rüben, Kohl und Bohnen die wichtigsten Gartenfrüchte, experimentiert man heute auch gern einmal mit Melonen und anderen exotischen Genüssen. Dabei unterstützt man sich gegenseitig mit manchem gärtnerischen Rat.

Zwei Imker in der Gartengemeinschaft, darunter „Biene Maja“, sammeln ganz besonders süße Früchte, die – auch bekannt als Honig – in der Gemeinschaftshalle zu erwerben sind.

Adresse

Baumschulenweg 1b
24537 Neumünster
Telefon 04321 – 42226

Eigentümer: Bundesvermögensverwaltung, Pächter: Kreisverein Neumünster der Kleingärtner e.V.

Öffnungszeiten

ganzjährig frei zugänglich
Eintritt: kostenfrei

Anreise

Icon Parken straßenbegleitend im Baumschulenweg

Icon Eisenbahn Neumünster Stadtwald

Icon Bus 9 "Baumschulenweg"

Serviceinformationen

Icon WC   Icon Hund erlaubt   Icon Rollstuhl

Angebote

Führungen: Führungen auf Anfrage, kleingarten-neumuenster@t-online.de, T 04321 - 42226
Veranstaltungen: Jährliches Ostereiersuchen, Vogelschießen, Herbstfest, Tanzball, Laternelaufen mit Feuerwerk & Lagerfeuer, Weihnachtsbasar & Weihnachtsfeier. Informationen & Anmeldung unter T 04321 – 690780

Angebote für Kinder

Gastronomie

Icon  Cafe  Gemeinschaftshalle West

Veranstaltungsorte

Festsäle: Gemeinschaftshalle West (Festsaal, Tanzsporthalle, Festwiese)

Gärtnereien & Läden

Gärtnereien: Gärtnerei des Lebenshilfewerks
Heinrich Schneede GmbH Gartenzentrum-Baumschulen
Imker "Biene Maja"

Freundeskreise und Fördervereine

Kreisverein Neumünster der Kleingärtner e.V.
Tanzclub „Rot-Gold-Casino-Neumünster“ e.V.

Weiterführende Informationen

Tourist-Information Stadt Neumünster

 

Kontakt

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