Route 6: Neumünster
Zu grünem Werk und Ernteglück
Alte Obstwiese Kieler Straße

Ein erster Überblick

Alte Obstwiese Kieler Straße

Vor rund 100 Jahren war die idyllische Obstwiese Teil eines Obst-, Gemüse- und Schweinemastbetriebes, der den Markt der Industriestadt Neumünster belieferte. Zwar gibt es nur wenige Hinweise auf die ehemalige Gestaltung, aber aus den vorhandenen rund 80 Jahre alten Obstbäumen und aus vergleichbaren Anlagen lässt sich schließen, dass die Bäume in Reihen standen und dazwischen Gemüse angebaut wurde. Nach einem Dornröschenschlaf ist die Obstwiese heute wieder Teil der historischen Kulturlandschaft und beherbergt viele seltene alte und regionaltypische Obstsorten. Eine große Anzahl ist noch nicht einmal bestimmt und in keinem Laden mehr zu finden. Um die zerfurchten Altbäume flirrt eine Tierwelt aus Hummeln, Hornissen, Schmetterlingen, Höhlenbrütern und Fledermäusen. Darüber thront ein Turmfalkenbrutpaar. Schafe unter den mit Sorten- und Spendernamen beschilderten Bäumen helfen bei der Wiesenpflege. Der Arbeitskreis zur Obstwiese erhält und entwickelt das Gelände als naturnahes Kulturbiotop.

Von Postkutschen und Meilensteinen

Von Kiel nach Altona bestand seit 1832 die Kiel-Altonaer Chaussee als erste befestigte Kunststraße aus Macadam in Schleswig-Holstein. Sie wurde durch den dänischen König und holsteinischen Herzog Friedrich VI. eingeweiht. Auf der Strecke herrschte bald ein reger Verkehr und so hatte die Straße, wie auch später die Eisenbahnlinie, großen Einfluss auf die Entwicklung Neumünsters zum Industriezentrum, denn die Stadt war auf dem Verbindungsweg ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Auch der Obsthof von dem die heutige Alte Obstwiese erhalten ist, befand sich an dieser wichtigen Straße und versorgte über diese die Industriestadt Neumünster mit Obst und Gemüse.

Die Straße mit einer Gesamtlänge von 12 ¼ Meilen oder genau 92,267 km verlief auf der Trasse der heutigen B4, in Neumünster entlang der Kieler und Altonaer Straße und über den Großflecken. Sie war vermutlich in weiten Teilen als Allee angelegt, deren Bäume an einigen Stellen auch in Neumünster noch erhalten sind. Auch die 24 dänischen Meilensteine von 1832 stehen bis auf einen Halbmeilenstein noch an der Straße, wenn auch teilweise vom ursprünglichen Standort leicht verschoben. Dabei gibt es im Abstand von je einer Meile einen Vollmeilenstein und dazwischen Halbmeilensteine mit dem Königsmonogramm „FR VI“ und der Jahreszahl 1832 sowie mit den Entfernungsangaben nach Kiel und Altona. In Neumünster sind die Steine an der Altonaer Straße 40/ Ecke Schützenstraße, der Kieler Straße 333 und an der Einfelder Schanze 14 zu finden.

Die Straße war damals eine technische Neuerung und für die Chausseebenutzung war bis 1875 ein Wegegeld zu entrichten. Nach jeder Meile gab es hierzu einen Schlagbaum mit Einnehmerhaus. Der Tarif richtete sich dabei nach der Anzahl der vorgespannten Pferde und nach dem Gewicht des Wagens. Das Restaurant „Zur Alten Schanze“ war früher ein Ausspann, wo Kutschen ihre Pferde tauschten und Rasten einlegten.

Der alte Obst- und Gemüsehof

Die alte Obstwiese war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und vielleicht schon davor Teil eines Obst-, Gemüse- und Schweinemastbetriebes. Aus dieser Zeit sind von den ehemaligen Reihenpflanzungen noch etliche Obstbäume im Alter von rund 80 Jahren erhalten. Dazwischen wurde einst Gemüse angebaut: Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Obstbau immer weiter intensiviert worden und es entstanden wirtschaftlich arbeitende Erwerbsobstbaubetriebe, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse in Sachen Anbau, Bodenbearbeitung, Düngung und Sortenwahl umsetzten. Sie belieferten die damals wachsenden Industriestädte.

Wie einst auch auf der alten Obstwiese an der Kieler Straße, wurde das Land zwischen den Obsthoch- und -halbstämmen meist für sogenannte Unterkulturen genutzt. Lohnende und schnell wachsende Unterfrüchte deckten so häufig die Kosten der langsam wachsenden Obstbäume, denn von der Pflanzung bis zur Ertragsreife vergingen zunächst mehrere Jahre. Auch Ertragsausfälle und der Wechsel zwischen ertragsreichen und fruchtarmen Jahren (Alternanz) bei den Obstbäume konnten so aufgefangen werden. Die Mischkulturen wurden auch nach ihrem Einfluss auf die Bodenfruchtbarkeit und zur sinnvollen Verteilung der Arbeitszeit über das Jahr ausgewählt. So beeinflussten beispielsweise Hackfrüchte den Obstbau besonders positiv. Als negativ wirkende Kulturen erkannte man schon bald Luzerne oder Himbeeren, so dass diese nach 1900 nur noch selten zum Einsatz kamen. Versuchsstätten arbeiteten an diesbezüglichen Empfehlungen. In einigen Betrieben wurden zwischen den jungen Obstbäumen mit weiten Reihenabständen sogar Kartoffeln oder Getreide auf sogenannten Baumäckern angebaut. Mit dem Heranwachsen der Bäume wurde dann nach und nach auf andere Unterkulturen umgestellt.

Die regelmäßigen Obstbaumreihenpflanzungen auf großen Flächen waren in der Landschaft um 1900, insbesondere in den sich herausbildenden Obstanbaugebieten, typisch. Sie hatte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts den Extensivobstbau auf Streuobstwiesen weitgehend abgelöst.

Erst in den 1950er Jahren wurden mit einer weitgehenden Umstellung der Betriebe auf niederstämmige Baumformen in Reinkultur die Mischbetriebe verdrängt. Landwirtschaft und Obstbau gingen seither weitgehend getrennte Wege. Auch die Alte Obstwiese fiel 1958 in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf und lag brach, die Gebäude wurden abgerissen und zwischen die Obstbaumkulturen mischten sich Weißdorn und Birke und es entstanden ökologisch bedeutsame Wiesengesellschaften.

Erst mit dem Aufkommen des Biolandbaus rückten auch die alten Obstwiesen wieder ins Blickfeld. Neben der Obstwiese an der Kieler Straße wird daher noch heute eine alte Obstwiese auch vom Demeterhof Mehrens, Am Bondenholz 26 am Einfelder See bewirtschaftet und bereichert das Angebot im Hofladen.

Auf dem rund drei Hektar großen Gelände der Obstwiese sollen die Besonderheiten eines naturnahen Kulturbiotops mit seiner artenreichen Wiesengesellschaft erhalten werden und dabei der Charakter der Obstwiese nach langer Zeit der Vergessenheit erneut heraus gestellt werden. Langfristig ist es das Ziel, die heute lückige und in Nord-Südrichtung verlaufende Reihenpflanzung wieder zu vervollständigen. Zwar soll der Nichtobstbaumbestand langsam zurückgenommen werden, jedoch wird hier kein wirtschaftlich arbeitendes Obstgut neu aufgebaut. Vielmehr wird die Wiese vom Arbeitskreis zur Obstwiese extensiv gepflegt und entwickelt, um die alten Obstsorten und die zahl- und artenreiche Tierwelt und die Kulturlandschaft zu erhalten. Daher bleiben auch die Altbäume mit ihrem Totholz so lang wie möglich auf der Wiese stehen.

Zum Erntefest

Um 1900 gehörten Obstblüten- und Erntefeste zum festen Bestandteil des bäuerlichen Lebens in den Obstbaugebieten. Diese Tradition hat der Verein der Freunde der Alten Obstwiese aufgegriffen und lädt alljährlich an einem Wochenende im Oktober zum Erntefest auf die Baumwiese ein. Viele freiwillige Hände pflücken dabei Äpfel und Birnen, und idyllisch unter Obstbäumen wird an einem Steintisch auch ein stärkendes Picknick hergerichtet. Aus einem großen Teil der Ernte wird Saft gepresst, der in Behälter abgefüllt und zum Verkauf angeboten wird. Über 1000 Liter Apfelsaft wird so in guten Jahren aus den Äpfeln der Wiese gepresst. Die Erlöse daraus kommen der Wiese und der Umweltpädagogik zugute. Wohlschmeckende alte Obstsorten werden auch über Bioläden verkauft. Interessant sind zudem die gelegentlichen herbstlichen Ausstellungen alter Apfelsorten der Wiese.

Von „Krügers Dickstiel“ bis zum „Hochzeitsapfel“

Die Wiese beherbergt heute noch viele alte Sorten, darunter „Krügers Dickstiel“, „Kaiser Wilhelm“ „Danziger Kant-“ und „Hochzeitsapfel“. Zusammen mit einem erfahrenen Pomologen kartiert und bestimmt der Arbeitskreis zur Wiese die in weiten Teilen unbekannten Sorten, darunter sogar manchmal unveredelt wurzelechte Bäume. Diese wurzelechten Obstbäume, die keine Veredelungsunterlage besitzen, sind etwas ganz besonderes und bestens an ihren Standort angepasst.

Die Wiese malt als altes Kulturbiotop lebendig Obstbaugeschichte in die Landschaft und zeigt den Unterschied zur ertragsorientierten Wirtschaftsweise moderner Betriebe. Auch als Genpool ist der Reichtum an schmackhaft-seltenen Sorten unermesslich.

Für die Obstwiese können Bäume alter Obstsorten – auch als besonderes Geschenk – gespendet werden. Aus einer Liste können dazu verschiedene alte Sorten ausgewählt werden, die für Neumünster typisch sind und ehemals im Garten angebaut wurden. Darunter sind historisch interessante Obstsorten und -arten, die heute kaum noch angepflanzt werden, wie Spillinge und Kreken. Hier kann dann später auch vom eigenen Baum geerntet werden. Auf einem Schild wird Sorte, Spender und das Pflanzjahr eingraviert.

Auch sonst gibt es Vieles auf der Wiese zu entdecken, daher ist sie ein beliebtes Ausflugsziel von Kindergärten. Eine bunte Vogel- und Insektenwelt schwirrt um die Bäume. Der Blutbär beispielsweise ist ein schwarzer Schmetterling mit roten Punkten und Streifen, dessen Raupe sich ausschließlich von Jakobsgreiskraut ernährt. Die Raupen der Ahorneule mit weißen und orangen Borsten dagegen lieben besonders Apfelblätter. Auch Fledermäuse finden in den Höhlen alter Bäume eine Unterkunft und selbst ein Turmfalkenpaar hat sich hier angesiedelt. Darunter sorgen weidende Schafe für eine idyllisch-arkadische Stimmung.

Adresse

Kieler Straße 515
24536 Neumünster
Telefon 0431 – 6474725, 04321 – 9656916, 0176 – 26385019

Eigentümer: Stadt Neumünster

Öffnungszeiten

ganzjährig frei zugänglich
Eintritt: kostenfrei
Besuchszeit: Besonders zur Obstbaumblüte im Frühjahr und zur Apfelernte im späten Herbst sehenswert. Schöne Wiesenblüte im Frühsommer.

Anreise

Icon Parken in der Einfahrt

Icon Eisenbahn Neumünster-Einfeld

Icon Bus 1 "Krückenkrug", "Waldschlößchen"

Serviceinformationen

Icon Hund verboten  

Angebote

Führungen: Führungen auf Anfrage bei der Tourist-Information Neumünster, T 04321 – 43280
Veranstaltungen: Ehrenamtliche Apfelernte im Oktober, Baumspenden. Informationen unter T 0431 – 64 74 725, 04321 – 96 56 916, 0176 – 26 38 50 19.

Gastronomie

Icon  Cafe  Schanze am See

Veranstaltungsorte

Kulturstätten: Christuskirche Einfeld

Gärtnereien & Läden

Gärtnereien: Apfelsaftverkauf Alte Obstwiese
Gärtnerei Gerhard Lassen
Obsthof Mehrens

Freundeskreise und Fördervereine

Arbeitskreis Alte Obstwiese Kieler Straße

Weiterführende Informationen

Tourist-Information Stadt Neumünster
ADFC Ortsgruppe Neumünster

 

Kontakt

Die nächsten Veranstaltungen