Route 5: Lübeck
Von Wasserbäumen zu grünen Paradiesen
Vorwerker Friedhof

Ein erster Überblick

Vorwerker Friedhof

An Mutters Küchentisch

Als Erwin Barth (geb. 1880 in Lübeck, gest. 1933 in Berlin) im Juli 1906 an der Königlichen Gärtner-Lehranstalt in Berlin-Dahlem seine Obergärtner-Prüfung ablegte, hatte er bereits in unterschiedlichen Anstellungen Berufserfahrung sammeln können. Im Oktober desselben Jahres trat er eine Stelle als „leitender Gartenarchitekt“ in Köln an. In der Zwischenzeit erarbeitete er auf Ersuchen des Lübecker Baudirektors Johannes Richard Baltzer einen Gegenentwurf zu einer Planung für den Vorwerker Friedhof, der den aktuellen Diskussionsstand zu Friedhofsplanungen berücksichtigen sollte. Seine Mutter Luise, in deren Wohnung die Arbeit vollbracht wurde, beschrieb die intensive Arbeitsphase so: „Diese große Arbeit wurde in acht Wochen (...) fertiggestellt, das kostete freilich viel Nervenkraft und Anstrengung. Beim Zeichnen half Tante Frieda nach Kräften. Bei den Mahlzeiten wurde nur noch von großen und kleinen Gräbern gesprochen.“ Sein Entwurf fiel in Lübeck auf fruchtbaren Boden und war die Grundlage für seine erfolgreiche Bewerbung als Stadtgärtner 1907.

Ein Friedhof soll kein Park, sondern ein Friedhof sein

Der Aufbruch in die Moderne war auch eine Zeit des Nachdenkens über Sinn und Zweck städtischen Grüns. Es sollte nicht mehr nur dem Schmuck dienen, sondern auch soziale und hygienische Funktionen übernehmen. In dieser Stimmung erschienen auch die Friedhöfe in neuem Licht. Warum sollten sie nicht mehr sein als ein schematisches, dicht gerastertes Grabsystem? Der landschaftlich gestaltete Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg war eines der Beispiele, die Erwin Barth für seine Entwurfsidee heranzog, die er so begründete: „Die Stätte, wohin wir unsere Lieben bringen, wenn sie den Kampf des Lebens ausgekämpft haben, nennen wir so schön Friedhof, weil sie dort zum ewigen Frieden gebettet sind. Den Toten soll hier eine Ruhestätte geschaffen werden, die Lebenden aber sollen hier eine Zuflucht finden, wo sie in harmonischer Umgebung den Hingeschiedenen gedenken können. (...) Ob die Anlage regelmäßig oder unregelmäßig gemacht wird ist gleich; die Hauptsache bleibt, dass sie gediegen ist und auch wirklich abgerundete Spaziergänge aufweist, (...). Der Anblick von Grabfeldern, bedeckt mit Kreuzen muss vermeiden werden, statt dessen müssen schöne Strauchgruppen und schattenspendende Bäume in künstlerischer Zusammensetzung uns an das Werden, Vergehen und Wiederauferstehen in der Natur erinnern.“. In einem Artikel über den Vorwerker Friedhof stellt er später aber heraus, dass der Zweck der Anlage erkennbar sein soll: „Die Anordnung von Gräbern an Hauptwegen ist nicht ängstlich vermieden, weil dem Besucher nicht vorgetäuscht werden soll, er sein in einem Park und nicht auf einem Friedhof. Ein Friedhof soll kein Park, sondern ein Friedhof sein, darum soll man sich nicht bemühen, ihm den Charakter als solchen zu nehmen.“.

Der Schmetterling

Das Ergebnis nervenaufreibender Arbeit in der Wohnung der Mutter war ein Friedhofsplan, dessen Form Assoziationen an einen Schmetterling weckt. In ihm setzte Barth die selbst gesteckten Ziele konsequent um. Mit größeren und kleineren Alleen gliederte er die Fläche in ein nachvollziehbares System und schuf Ziel- und Orientierungspunkte. Im lichten Schatten von Eichen, Birken und Säulenbäumen wird das Auge auf Kapellen, Sitzplätze, Wasserbecken und Gedenkstätten gelenkt. Die Tore der Kapellen an den Endpunkten der Alleen entfalten magische Anziehungskraft. Im Innern der von Alleen umschlossenen Flächen liegen geometrisch geformte Quartiere, in denen nach Barths Vorstellung im Laufe der Zeit Baumhaine entstehen sollten. Bis heute haben sich beschattete und offene Flächen in schönem Wechselspiel entwickeln können. Die Außenflächen sind landschaftlich gestaltet und mit den von Barth gewünschten Spazierwegen versehen.

Der Friedhof wurde unter der Leitung von Barths Nachfolger als Stadtgärtner, Harry Maasz, von 21 ha auf 53 ha erweitert. Dieser blieb dem Prinzip Barths treu, den Friedhof innen architektonisch und außen landschaftlich zu gestalten. Ungewöhnlich sind im Erweiterungsteil die dichten Alleen aus Fichten und Kiefern, die dunkle Wände an ausgedehnten Grabfeldern bilden. Einen spannenden Kontrast dazu bilden die akkurat geschnittenen, niedrigen Buchenhecken, die in vielen Bereichen die Grabfelder eng umfassen. Hier und da trifft man auf ungewohnte Gebilde wie hohe Hecken aus Kanadischer Hemlockstanne (Tsuga canadensis), die enge Gänge bilden und auf Wasserbecken oder Sitzplätze zuführen. Die Grabmale sind schlicht gestaltet und ordnen sich in die grünen Räume ein. Der schlichte, landschaftliche Eindruck vom Vorwerker Friedhof wird so verstärkt. In deutlichem Gegensatz dazu steht der Burgtorfriedhof (Garten Nr. 5) mit seiner Vielzahl aufwändiger Mausoleen und Gruften.

Ein Spaziergang auf dem Friedhof führt auch zur Begegnung mit einer Vielzahl an Gedenkstätten, unter anderem für die Opfer der Weltkriege aus den baltischen Staaten, den Niederlanden und Russland. Auch Grabstätten deutscher und russischer Soldaten sind an verschiedenen, teilweise sehr prominenten Stellen in das Wegeraster eingefügt. Besonders eindrucksvoll ist das Quartier mit den Grabstätten von Bombenopfern und Vertriebenen. Auf kunstvoll in Sichtbeton gefertigten Stelen sind Tafeln mit den Namen der Opfer befestigt. Im Verbund mit zarten Birken stehen sie in lockerer Verteilung auf einer fichtengerahmten Rasenfläche.

Die Zukunft des Friedhofs?

Die Geschichte erzählt von immerwährenden Engpässen auf den Lübecker Kirch- und Friedhöfen. Mit dem Bau des Vorwerker Friedhofs sollte der Burgtorfriedhof entlastet werden. Einschließlich der späteren Erweiterung entstanden Friedhofsflächen mit 67.000 Grabstellen. Heute sind die Lübecker Friedhöfe bei weitem nicht ausgelastet, der Vorwerker Friedhofs ist nur gut zur Hälfte belegt. Urnenbeisetzungen als Alternative zur traditionellen Sargbestattung sind nur einer von vielen Gründen. Ganz andere Formen der letzten Ruhe gewinnen immer mehr an Attraktivität: in Lübeck, wo viele Bewohner einen ganz engen Bezug zur Ostsee haben, Berufsschiffer oder Freizeitkapitäne sind, besitzen Seebestattungen einen hohen Stellenwert. Auch Ruhe- oder Friedwälder sprechen die Menschen mit ihrem Konzept, in der Natur an einem schönen Baum bestattet zu sein, sehr an. Es lassen sich weitreichende Gedankenspiele anstellen wie Friedhöfe zukünftig aussehen können: Werden ganze Friedhöfe aufgegeben und damit doch noch zu Parks? Gibt es auf den Friedhöfen der Zukunft ein enges Nebeneinander von traditionelle bewirtschafteten Grabfeldern mit kleinen, unbewirtschafteten Waldinseln? Wird die Nutzung lediglich extensiver? Eine Vielzahl von Einzellösungen wird es sicherlich geben. Nicht zu vergessen ist, dass ein Denkmal immer dann am besten funktioniert, wenn es seinem ursprünglichem Zweck entsprechen genutzt wird. Wird es gelingen, entgegen dem aktuellen Trend die traditionelle Bestattung auf dem Friedhof wieder attraktiver zu machen? Es lohnt sich sicher, Anstrengungen dafür zu unternehmen, ein Stück Kulturgeschichte lebendig zu bewahren.

Adresse

Friedhofsallee
23554 Lübeck
Telefon 0451-1226701, 0451-1226747

Eigentümer: Hansestadt Lübeck

Öffnungszeiten

täglich bis zum Einbruch der Dunkelheit
Eintritt: kostenfrei

Anreise

Icon Parken gegenüber von den Eingängen an der Friedhofsallee

Icon Eisenbahn Lübeck Hbf

Icon Bus 12, 19 Vorwerker Friedhof Eing. 1,2,3

Serviceinformationen

Icon WC   Icon Hund verboten   Icon Rollstuhl

Gärtnereien & Läden

Gärtnereien: Gartencenter Arndt
Gärtnerei Lindemann
Gärtnerei Lohff

Weiterführende Informationen

Welcome-Center
Bereich Stadtgrün und Friedhöfe
Lübeck Service Kolossa
Lübecker Stadtführer e.V. 
Lübecker Verkehrsverein e.V.
Welcome-Center

 

Kontakt

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