Route 5: Lübeck
Von Wasserbäumen zu grünen Paradiesen
Ehrenfriedhof

Ein erster Überblick

Ehrenfriedhof Nicht ein Ehrenhain auf freiem Feld, sondern von Wald umgebene geometrische Rasenplätze mahnen zum Gedenken an die Opfer der Weltkriege. Artifiziell wirkende Kreise, Ovale, Halbrunde und Geraden, durch scharfe Konturen gegenüber dem frei wachsenden, hügeligen Wald abgegrenzt, entfalten ihre räumliche Wirkung durch die konzentrische Anordnung der Grabmale am Rande ebener Rasenflächen. Dunkle Eiben und Rhododendron heben die Wirkung gegenüber den silbrigen Stämmen der Buchen. Der Gartenarchitekt Harry Maasz hat diesen Ehrenfriedhof geschaffen und dort selbst seine letzte Ruhe gefunden. Totenverehrung spricht aus allen Teilen der Anlage, aber keine Hoffnung auf Erlösung. Die Achtung vor den Gefallenen wird durch heroische Skulpturen wie den „Sterbenden Krieger“ von Fritz Behn unterstrichen. Im Schatten von Buchen und Eichen, unter denen Grabmale solch bedeutender Persönlichkeiten wie Dr. Julius Leber errichtet sind, ergreift die Melancholie vom Ort Besitz.

Der Gartenkünstler Harry Maasz (1880–1946)

Harry Maasz wurde in Cloppenburg geboren. Nach seinem Studium in Berlin-Dahlem und Potsdam und ersten Berufsjahren in Magdeburg und Kiel trat er als Nachfolger von Erwin Barth 1912 die Stelle des Lübecker Stadtgärtners an und hatte diese bis 1922 inne. In dieser Zeit prägte er die Entwicklung der Lübecker Grünflächen entscheidend, indem er sich für vielfältig nutzbare, klar gestaltete Parks und Gärten einsetzte. Zu seinen größeren Werken zählte der Schulgarten. Als Mann mit sozialen Idealen und ausgeprägtem ästhetischen Empfinden war er von der ungemeinen Bedeutung städtischer Freiflächen und privater Gärten als Orte des Lernens und Bewegens überzeugt. Unter dem Einfluss der Diskussion um soziales Grün entwarf er Szenarien einer idealen Siedlung mit viel Grün zur Erholung und Selbstversorgung. Für Lübeck entwarf er den „Volkspark Krempeldorf“, der aber nie umgesetzt wurde. Nachdem er sich mit der Stadt Lübeck überworfen hatte, gründete er sein „Atelier für Gartenkunst und Landschaftsgestaltung“, mit dem er sich intensiv den Hausgärten widmete.

Harry Maasz war nicht nur ein Gartengestalter, sondern auch ein Meister kraftvoller Worte, mit denen er in vielen  Veröffentlichungen seine Ideale zum Ausdruck brachte. Als Co-Autor bearbeitete er den gärtnerischen Teil der Neuauflage von „Landhaus und Garten“ von Hermann Muthesius.

Die Zeit des Nationalsozialismus verbrachte Harry Maasz angepasst. Er war wohl von der ideologischen Betonung des „Landschaftlichen“ und „Nordischen“ angesprochen, war aber zu modern, um ein „deutscher Gartenarchitekt“ zu sein. Renate Kastorff-Viehmann, die sich intensiv mit dem Wirken von Maasz in Lübeck beschäftigt hat, interpretiert diesen als Träumer und Idealisten, der den Nationalsozialismus nie wirklich durchschaute, aber eben auch nicht störte.

Ehrenfriedhöfe im Licht ihrer Zeit

Gedenkstätten und Ehrenfriedhöfe zu planen war keine ungewöhnliche Aufgabe für Landschaftsarchitekten in den Zeiten der Weltkriege. Dabei rankten sich viele Fragen um Heimat und Nationalstolz. Das deutsche Wesen und der Wald wurden in deutschnationalen Kreisen als eine Einheit propagiert. Eine landläufige Gestaltungsform des Ehrenfriedhofs war deshalb der Ehrenhain, ein kleiner Wald in der Feldmark, am besten auf einem Hügel gelegen. Diese im Germanentum verwurzelten Plätze schienen den Vertretern dieses Denkens wie geschaffen, um die Soldaten in Walhall, dem Ruheort der in der Schlacht gefallenen Krieger, einziehen zu lassen. In der Zeit des Ersten Weltkrieges gab es aber auch andere Strömungen der Kunst, die die Gestaltung beeinflussten. Aus einem „organischen Denken“ heraus entwickelte sich der Expressionismus, in dem die Innenwelt, das Erleben des Künstler in seinem Werk verbildlicht wird.

Harry Maasz war von beiden im Grunde gegenläufigen Denkrichtungen beeinflusst. Doch als Gartenkünstler, der er war, prägte er eine expressive Form der Landschaftsgestaltung mit scharfen Kontrasten, der  Vorliebe für zackige Koniferen und dem Spiel mit Hell und Dunkel, das die Empfindungen und die Intuition des Gartenbesuchers anzusprechen vermochte. Als Künstler spielte er mit dem Thema Hain und fand mit den artifiziellen Terrassen des Ehrenfriedhofs, die künstlerisch aus dem im Wald herausgearbeitet sind, eine würdevolle Interpretation. Zwischen Monumentalität und thematischer Schwere tritt immer wieder eine gewisse Leichtigkeit hervor, die den Anlass der Entstehung hin und wieder in Vergessenheit geraten lässt.

Die Planung eines Gartenkünstlers

1914 wurden die Sandbergkoppeln, ein hügeliger Buchenwald in unmittelbarer Nachbarschaft zum Burgtorfriedhof, als Standort für einen Ehrenfriedhof der Stadt Lübeck ausgewählt. Noch im selben Jahr legte Harry Maasz eine Planung vor, die für die Würdigung der Verstorbenen aber zu bescheiden erschien. Bereits 1915 wurde dann der nachfolgende Entwurf realisiert, der auch heute noch gut nachvollziehbar ist. Von den angrenzenden Straßen nähert man sich einem umzäunten Buchenwald, der wenig von seinem Inneren preisgibt. Doch mit Durchschreiten des heutigen Haupteingangs am Sandberg fordern vielgestaltige Gedenksteine Aufmerksamkeit. Sie erinnern an Soldaten und Zivilisten, die in den Weltkriegen ihr Leben ließen.

Der Weg führt an einen lang gestreckten Raum zur Rechten, der Auftakt zu einer Folge geometrisch geformter Grabfelder ist. An einem Endpunkt steht die monumentale Statue „Helm ab zum Gebet“, die 1924 vom Künstler Richard Kuöhl geschaffen wurde.

Die einzelnen Grünräume liegen eben im umgebenden hügeligen Gelände und sind gegenüber dem Wald durch immergrüne Pflanzungen aus Eiben und Rhododendron abgegrenzt. Harry Maasz schrieb selbst dazu: „Die überzeugende Wucht scharf gefasster Gartenräume innerhalb eines frei sich entwickelnden Baumbestandes, sei es Wald oder Park, liegt vornehmlich in den Kontrasten der Linien und Massen.“ Diese Kontraste machen heute noch in unmittelbarer Nachbarschaft architektonische Strenge und landschaftliche Weichheit erlebbar. Die innerhalb der Raumgrenzen liegenden Gräber sind als konzentrische Kreise zur Außenform angelegt und waren ursprünglich als efeubepflanzte Hügel gestaltet. Sie stehen damit in starkem Gegensatz zu den locker entlang der geschwungenen Wege aufgereihten Gedenksteinen im Wald, bei denen unwillkürlich der Gedanke an frühgeschichtliche Steinsetzungen aufkommt. Diesen Willen zur Kontrastbildung beschrieb Maasz expressiv in einem Aufsatz 1926: „Im zweiten, etwa 1,20 Meter tiefer gelegenen Gartenraum verwandte ich die prächtige Ilexhecke. Ihre Wechselwirkung zum zartgrünen Laub der austreibenden Buchen und Fichten, zum sommerlich sattgrünen Wald, zur wehmütigen Herbstfärbung mit ihren braunen und siennafarbenen Tönung, und endlich zur winterlichen Garbenpracht zwischen dem Schwarzweiß und Grau des Stammwerks, der Äste und der Zweige ist von einer unbeschreiblichen Pracht....“.

Etwa in der Mitte der Achse streng geformter Grünräume formt die Plastik  „Sterbender Krieger“ von Fritz Behn (1878–1970), der für seine großen, handwerklich anspruchsvollen Tierplastiken bekannt ist, von denen einige in Lübecker Gärten zu bewundern sind.

Weitere von Harry Maasz gestaltete Ehrenfriedhöfe liegen am Rand von Bad Schwartau im Wald Riesebusch (Gartenroute Ostholstein) und an der Klosterkirche Bordesholm (Gartenroute Neumünster). In Bad Schwartau sind geschnittene Heckenwände erhalten, ähnlich wie sie einst auch auf dem Ehrenfriedhof streng die Plätze von den Waldpartien getrennt haben.

Pflanzenschmuck

Die von Harry Maasz beschriebenen glänzenden Ilexhecken und Efeuhügel sind heute verschwunden. Bezaubernd ist aber der Flor der Frühjahrsblüher. Buschwindröschen überziehen die Waldpartien mit einem weißen Teppich und treten kühn aus Efeuteppichen hervor, Lerchensporn leistet ihnen Gesellschaft. Ein Meer von Blausternen umspült viele Gedenktafeln. Besonders attraktiv ist der Ehrenfriedhof auch zur Zeit der Rhododendronblüte im späten Frühling. Wie ein schützender Kranz fassen sie eine geometrische Lichtung und verleihen ihr einen verspielten Zug.

Erweiterung 1942

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Ehrenfriedhof um drei runde Felder erweitert, die sich einer Kette gleich etwa parallel zur Straße Sandberg erstrecken. Zwischen zwei Kettengliedern, nämlich zu Füßen des Soldaten „Helm ab zum Gebet“, knüpfen die neueren Gedenkfelder an die des Ersten Weltkrieges an. Die Federführung bei der Planung hatte ebenfalls Harry Maasz. Durch Holzkreuze und hölzerne Gedenktafeln heben sie sich deutlich von den aufwändigen Werken der Steinmetzkunst für die Verstorbenen des Ersten Weltkrieges ab. Auch die Opfer des Luftangriffs auf Lübeck 1942 wurden in diesem Friedhofsteil bestattet. Der Angriff fand in der Nacht vom 28. auf den 29. März, dem Palmarumssonntag statt, weshalb in Lübeck jeder weiß, was gemeint ist, wenn schlicht vom „Gedenken an Palmarum“ gesprochen wird. Im Kreise ihrer Mitte steht die Skulptur einer Frau mit zwei Kindern, die die Trauer der Mütter um ihre verstorbenen Söhne und Töchter eindruckvoll verkörpert.

Adresse

Sandberg
23568 Lübeck
Telefon 0451-1226701

Eigentümer: Hansestadt Lübeck

Öffnungszeiten

ganzjährig frei zugänglich
Eintritt: kostenfrei

Anreise

Icon Parken straßenbegleitend

Icon Eisenbahn Lübeck Hbf

Icon Bus 10, 12, 31, 32, 34 Ehrenfriedhof

Serviceinformationen

Icon Hund verboten   Icon Rollstuhl (teilweise)

 

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