Route 5: Lübeck
Von Wasserbäumen zu grünen Paradiesen
Burgtorfriedhof

Ein erster Überblick

Burgtorfriedhof

Der Wunsch nach Heil und Erlösung spricht aus vielen Grabstätten des Burgtorfriedhofs, der 1832 als erster „Allgemeiner Gottesacker“ vor den Toren Lübecks angelegt wurde, als aufgrund einer Choleraepidemie enorme Engpässe bei Grabstellen entstanden. Zuvor fanden die Bestattungen in den Innenstadtkirchen und auf den sie umgebenden Kirchhöfen statt. Für jede der fünf Lübecker Hauptkirchen, also St. Jacobi, St. Petri, St. Marien, Dom und St. Aegidien wurde eine eigenes Quartier angelegt.

Bedeutende Lübecker haben sich mit imposanten Familiengrüften und Einzelgrabstätten Denkmale gesetzt. Literarisch Interessierte können sich den „Buddenbrooks“ widmen. Viele der auf dem Friedhof beigesetzten Mitglieder der Familie Mann waren, nicht gerade zu ihrem Gefallen, Vorbilder für die Romanfiguren Thomas Manns. Emanuel Geibel ist ebenso auf dem Burgtorfriedhof begraben wie der Oberbaudirektor Peter Rehder, der die Wasserstraßen um Lübeck neu ordnete und an denen beliebte Lübecker Grünflächen liegen.

Gräber dicht an dicht

Vor der Einrichtung des Burgtorfriedhofs gab es in der Stadt so manchen Widerwillen dagegen, abseits der angestammten Plätze in den Kirchen und auf den Kirchhöfen bestattet zu werden. Die Reichen, die Handwerker und die Kaufleute wollten dieses Privileg nur ungern aufgeben. So mahnten die Ärzte insbesondere in der Zeit um 1800 vergebens, dass die Bestattungen in der dicht besiedelten Stadt aus hygienischen Gründen unterbleiben sollten. Erst die Choleraepidemie 1831 ließ die Not so groß werden, dass der Burgtorfriedhof angelegt wurde. Es entstanden als Zugeständnis an die Privilegierten fünf Kirchenquartiere sowie Korporationsgräber für verschiedene Lübecker Vereinigungen. Die Belegung erfolgte der Gewohnheit entsprechend dicht an dicht. Mit dem Entstehen anderer Friedhöfe, unter anderem dem Vorwerker Friedhof  1907 (Garten Nr. 9), wandelte sich das Erscheinungsbild und man gestattete sich schmale Pfade zwischen den Gräbern wie es auch heute noch üblich ist sowie eine dichte Belegung entlang von geradlinigen Hauptwegen. Zwar liegt dem Burgtorfriedhof keine planvolle, architektonische Gestaltung zugrunde, doch sind die der Tradition entsprungene Rhythmik und die farbenfrohe Vielfalt eine Wohltat fürs gärtnerische Auge.

Der Burgtorfriedhof wurde 1901 erweitert und dem Zeitgeschmack entsprechend im Stil eines Waldfriedhofs angelegt. Der Erweiterungsteil verströmt daher eine ganz andere Atmosphäre als der ältere, offenere Teil des Friedhofs.

Eine kleine dendrologische Sammlung

Wegen der vielen bedeutenden Persönlichkeiten, die auf dem Burgtorfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben, schweifen die Blicke unweigerlich über die Schriftzüge imposanter wie bescheidener Grabstellen, immer auf der Suche nach bekannten Namen und hervorstechenden Details. Die Pflanzung auf dem alten Teil des Friedhofs erscheint farbenfroh und eigenwillig, aber ohne ordnende Pflanzenbilder, da früher wegen der dichten Belegung für solchen Luxus kein Platz vorhanden war. Es haben sich dennoch über die Zeit schöne Einzelgehölze und Baumgruppen auf und zwischen den Grabstellen entwickelt. Nicht zu übersehen ist eine Gruppe von Blutbuchen, die bereits bei der Anlage des Friedhofs gepflanzt wurde und heute als Naturdenkmal besonderen Schutz genießt. Am Rand einer Blumenwiese zwischen den Quartieren von Dom und St. Aegidien hat sich ein Blauglockenbaum (Catalpa bignoioides) enorm viel Raum erobert. Auf mehreren Gräbern wird die Verneigung vor den Verstorbenen mit Trauerbirken ausgedrückt, die sich elegant über die Grabsteine beugen. Es lohnt sich auch, einen genaueren Blick auf die Koniferen zu werfen, die locker über den gesamten Friedhof verstreut sind. Fichten, Tannen, Kiefern, Scheinzypressen und Lebensbäume sind wie zufällig zu eleganten Kegeln und Säulen herangewachsen, wie man sie in dieser Größe selten sieht. Bei ganz genauem Hinsehen stellt man fest, dass eine ungeheure Sortenvielfalt den Friedhof schmückt. Also: Augen auf!

Lübecker Mäzene – die Familien Dräger und Possehl

Zu den vielen bedeutenden Persönlichkeiten, die auf dem Burgtorfriedhof bestattet sind, gehören auch solche, die große Leistungen im wirtschaftlichen Bereich erbracht haben und die posthum viel an Lübeck zurückgeben. Die Grabstätte der Drägers befindet sich im Quartier von St. Jakobi. Dort liegt auch der Gründer der Dräger-Werke, Johann Heinrich Dräger (1847–1917) begraben, der mit seinen Apparaten den Grundstein für das weltweit tätige Unternehmen der Medizintechnik legte. Sein Enkel Dr. ing. Heinrich Dräger (1898–1986) förderte beispielsweise den Drägerpark und schenkte das Drägerhaus in der Königstraße. Nach seiner Witwe Lisa ist die Kraweel „Lisa von Lübeck“ benannt, ein Nachbau eines Handelsschiffs aus dem 15. Jahrhundert, das die Wasserwege um Lübeck befuhr.

Johannes Ludwig Emil Possehl (1850–1919) baute eine erfolgreiche Firma auf, deren Bedeutung vor allem auf dem Handel mit hochwertigen schwedischen Stahlprodukten beruhte. Er unterstützte schon früh die Idee vom Ausbau des Stecknitzkanals zum Elbe-Trave-Kanal. Da er keine Kinder hatte, richtete er eine Stiftung ein, die nicht nur den Bestand seines Unternehmens sichern, sondern auch seiner Vaterstadt Lübeck zugute kommen sollte. Die Possehl-Stiftung fördert heute unter anderem in großem Umfang Sanierungsarbeiten an denkmalgeschützten Gebäuden. Das Mausoleum befindet sich im Quartier von St. Marien.

Die Lübecker Gesellschaft - ein Fundus für Thomas Mann

Für seine gesellschaftskritische Betrachtung in den „Buddenbrooks“ fand Thomas Mann im Umfeld seiner Familie kauzige Gestalten und schräge Vögel, die er in dichterischer Freiheit zu Romanfiguren machte. Viele dieser Vorbilder haben in der Familiengrabstätte der Manns im Quartier der St. Marienkirche ihre letzte Ruhe gefunden. Unter ihnen sind der Vater der Schriftsteller Thomas und Heinrich, der träumerische Senator Thomas Joh. Heinrich Mann (1840–1891), die Großeltern, der religiöse Schwärmer Konsul Johann Siegmund Mann jun. (1797–1863) und seine Frau Elisabeth (1811–1890) sowie die Urgroßeltern, der Patriarch Johann Siegmund Mann sen. (1761–1848), Gründer der Mann´schen Getreidehandlung, und seine Frau Catharina (1766–1848). Ein Onkel von Thomas Mann, Johann Siegmund Mann (1827–1884) war Vorbild für den beleibten und kurzbeinigen „Onkel Gotthold“. Im Kreise der Familie wurde auch die „Bonne“ der Familie, Ida Buchwald (1821–1880) bestattet, die als Mamsell Ida Jungmann zwei Generationen Buddenbrook´scher Kinder mit skurrilen Geschichten, vorgetragen in westpreußischem Dialekt, unterhielt.

Auch Emanuel Geibel (1815–1884), der Lübecker Stadtdichter und Ehrenbürger, ist als Dichter Jean Jacques Hoffstede in den Buddenbrooks verewigt. Seine Ehrengrabstätte am inneren Hauptweg des St. Petri Quartiers ist nicht zu verfehlen.

Rehder und Langenbuch – ein ungleiches Paar

Dr. Ing. h.c. Peter Rehder (1843–1920) hat als Ingenieur das heutige Gesicht Lübecks maßgeblich mitgestaltet. Von Haus aus Wasserbauingenieur, kümmerte er sich um den Ausbau der Häfen und Wasserwege um Lübeck, womit eine wesentliche Voraussetzung für die Industrialisierung Lübecks geschaffen wurde. Er wurde zum Oberbaudirektor ernannt und war in dieser Funktion auch städtebaulich lenkend tätig. Immerhin hat er den Bebauungsplan für den Vorwerker Friedhof (Garten Nr. 9) erstellt.

In Rehders Herz schien die Ingenieurkunst verankert zu sein, seine Bauwerke setzte er mit technischer Genauigkeit um. Für seinen Stadtgärtner Theodor A.M. Langenbuch blieb da die Aufgabe der Verschönerung der technischen Bauwerke. So begrünte er die Ufer des Elbe-Trave-Kanals und schuf die erforderlichen neuen  Wegeverbindungen, die heute vor allem zum Laufen und Radfahren beliebt sind.

Doch nicht nur Rehder als Neugestalter der Wasserwege rund um Lübeck wird hier gegenwärtig. Im Domquartier befindet sich der Stecknitzfahrer-Begräbnisplatz. Der Stecknitzkanal war der Vorläufer des Elbe-Trave-Kanals und bereits ab 1398 schiffbar. Die Stecknitzfahrer stakten mit ihrem Kähnen, den sogenannten Prahmen, das ungemein wertvolle Salz aus Lüneburg bis nach Lübeck, von wo aus es über die Ostsee weiter verschifft wurde. Zu den Stecknitzfahrern gehörte seit 1597 auch die Familie Fehling. Und an dieser Stelle kann man den Faden aufnehmen und von Emil Ferdinand Fehling (1847–1927) berichten, der von 1917–1929 Lübecker Bürgermeister war und eine zeitlang das Haus in der Königstraße Nr. 9 bewohnte (heute Drägerhaus), hinter dem die Bürgergärten liegen (Garten Nr. 2). Dieser war mit der Tochter von Emanuel Geibel verheiratet und Vorbild für Dr. Moritz Hagenström in den Buddenbrooks. Es sei jedem Besucher empfohlen eigene Fäden aufzunehmen und das Netz der Lübecker Beziehungen zu erkunden.

Adresse

Eschenburgstraße
23568 Lübeck
Telefon 0451-1226701

Eigentümer: Hansestadt Lübeck

Öffnungszeiten

täglich bis zum Einbruch der Dunkelheit
Eintritt: kostenfrei

Anreise

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Icon Bus 12, 31, 32, 34 Burgtorfriedhof

Serviceinformationen

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