Route 4: Pinneberg
Von Baumschulbaronen und Pflanzenjägern
Friedhof Rellingen

Ein erster Überblick

Friedhof Rellingen Die Rellinger Kirche ist ein barockes Meisterwerk des Architekten Cai Dose. Ihr weithin sichtbarer Kirchturm mit Laterne ist Wahrzeichen des Ortes und bildet mit dem lindenumsäumten Kirchplatz und dem Friedhof ein bemerkenswertes Ensemble. Eine schöne Allee führt durch den ältesten Teil des Friedhofs, der spätestens 1860 entstand. Bis dato wurde in und rund um die Kirche bestattet. Die Entwicklung der Baumschulen im Kreis Pinneberg spiegelt sich in den vielen Grabstätten alteingesessener und ehemaliger Baumschulbetreiber. Schöne Engelsfiguren wachen über verschiedene Familiengräber. Auch der bekannte Staudenzüchter Karl Wachter und die Namenspatin der Rose ‘Käthe Duvigneau‘ fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Die Erweiterungen des Friedhofs lassen sich an Hand ehemaliger Heckengehölze, die zu imposanten Baumriesen gewachsen sind, nachvollziehen. Über den interessanten Baumbestand wacht ein Baumschulmeister als Friedhofsverwalter.

Der Friedhof der Landdrosten

Über Jahrhunderte wurden die Toten Rellingens und der Nachbarorte rund um die Rellinger Kirche bestattet. Noch 1855 zeigte ein Plan insgesamt 260 Grabstätten auf dem Kirchplatz. Schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts suchte man aber nach Erweiterungsflächen auf der jenseitigen Feldseite der Landstraße, in Höhe des heutigen Friedhofszugangs. Ab ca. 1875 wurden dann Bestattungen auf dem Kirchplatz gänzlich untersagt, die alten Grabstätten aufgelöst und Umbettungen auf den neuen heutigen Friedhof vorgenommen. So liegen die ältesten Steine im Schatten des schönen Lindenrondells nahe dem Haupteingang gegenüber der Kirche.

Da das Kirchenspiel Rellingen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Gemeinden, darunter auch Pinneberg einbezog, finden sich unter den Steinen die der ehemaligen Landdrosten, die in der Pinneberger Drostei residierten. Dazu gehört beispielsweise der Sarkophagdeckel des Landdrosten Gebhard Ulrich von Perckentin (1732–65) und seiner Frau der Gräfin Anna Sophia von Callenberg, der sich ursprünglich in einer Gruft an der Kirche, der sogenannten Perkentin‘schen Gruftkapelle befand. Der Deckel steht heute im überdachten Eingangsbereich der alten Kapelle. Die Landdrosten waren die höchsten königlich-dänischen Beamten, denen die Erhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit anvertraut war.

Lindenalleen und Baumgesichter

Der Friedhof wurde laufend bis zu seiner heutigen Größe von 7,5 ha erweitert. Schön ist ein Plan von 1910, der deutlich die Lindenallee und das Lindenrondell zeigt, welche um 1900 gepflanzt wurden. Diese Lindenallee verbindet den Friedhof mit dem lindenumstandenen Kirchplatz, dessen Bäume schon 1870 gesetzt wurden.

Auch sonst hat der Friedhof Rellingen einen reichen und interessanten alten Baumbestand. In Teilen stammt dieser vermutlich aus Feldhecken (Knicks), die sich auf den ehemaligen Grenzen des Friedhofs befanden. Als im Laufe der Zeit der Friedhof mehrfach erweitert wurde, wurden diese Knickbäume als markante Einzelbäume erhalten und haben so ihren Weg auf den Friedhof gefunden. Darunter sind einige stattliche Roteichen und Buchen. Besonders interessant ist eine mindestens 200 Jahre alte Hängeblutbuche an der Alten Kapelle. Mit seiner ungewöhnlich geriffelten Rinde ist der Baum ein Unikat, denn im Regelfall zeigen Buchen eine glatte, silbergraue Rinde. An alten Schnittstellen haben sich Rindenüberwallungen gebildet, in denen man mit etwas Fantasie Köpfe und Gesichter erkennen kann.

Aber auch die Tradition der Baumzucht im Kreis Pinneberg hat auf dem Friedhof des Kirchenspiels Rellingen ihre Spuren in Form ungewöhnlicher Bäume hinterlassen. Zwei schöne Trauerbuchen und zwei Blutbuchen geben dem Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges einen würdigen Rahmen. Neben diesen Baumveteranen wachsen viele ungewöhnliche Neupflanzungen wie Ginkgo (Ginkgo biloba), Trompetenbaum (Catalpa bignonioides), Apfeldorn (Crataegus lavallei ‘Carrierei‘), Österreichische Schwarz-Kiefer (Pinus nigra austriaca), Kobus-Magnolie (Magnolia kobus) oder rotblühende Kastanie (Aesculus carnea ‘Briotii‘) auf dem Friedhof, eine sehenswerte Sammlung, die der Friedhofsverwalter ständig erweitert.

Die letzte Ruhestätte der alten „Baumschulbarone“

Die schönen Grabsteine des Friedhofs, darunter auch einige gut gearbeitete Jugendstilgräber, spiegeln lebendig die lange Tradition der Baumschulen im Raum Pinneberg wider. Viele Gräber der Familien bekannter Baumschultraditionsbetriebe befinden sich hier, die meisten davon in der Nähe der alten Kapelle, denn Rellingen war Mittelpunkt des größten geschlossenen Baumschulgebietes der Welt, welches sich im 19. Jahrhundert im heutigen Kreis Pinneberg entwickelte.

1848 gründete Hans Hinrich Pein, der als „Boom-Pein“ bekannt war, die erste Forstbaumschule, die als Pein & Pein lange bestand, auf den leichten Geestböden Halstenbeks. Andere Betriebe, wie J. Heins‘ Söhne, Gustav Lüdemann und J. H. Brandt, folgten diesem Beispiel und die angezogenen Forstpflanzen fanden bald in großer Stückzahl auch ihren Weg nach Dänemark. Einen besonderen Aufschwung erfuhr der Handel ab 1883 mit Anschluss an das Eisenbahnnetz. So wurden die Baumschulen zum wichtigen Wirtschaftszweig im Pinneberger Raum und die Baumschulbetreiber zu einflussreichen Persönlichkeiten. Die damaligen Verbindungen zum dänischen Herrschaftshaus begründeten auch den späteren starken Export von Pflanzen in Skandinavische Länder der bis in die heutige Zeit anhielt. Viele der sogenannten Schwedenkiefern und Schwedenfichten nahmen also ihren Anfang eigentlich im Kreis Pinneberg.

Interessante Geschichten, die der Rellinger Heimatforscher Reinhold Miller zusammengetragen hat, ranken sich um die Gräber des Friedhofs, so um die Grabstätte der Familie Ey. Diese ist heute nur mehr eine Wiesenfläche, obwohl ein alter, akribisch aufgesetzter Pflegevertrag von 1936, der hier in Auszügen wiedergegeben wird, „für alle Zeiten“ für die blumige Verschönerung sorgen sollte:

„Ein Kapital von 1800 M (...) ist zu 4% Verzinsung – unkündbar – niedergelegt auf der Westholsteinischen Bank Altona, Filiale Rellingen. Von den Zinsen dieses Kapitals, von 72 M, sollen jedes Jahr zu Pfingsten 64 M der Kirche, durch den zustelligen Herrn Pastor in Rellingen ausgezahlt werden. Dann soll die Gärtnerei Heins in Rellingen 50 M erhalten für tadellose Instandhaltung der Grabstätte. Anpflanzungen einer Blume (Fuchsie?) auf jedes Grab im Frühling. Bei jedem Gedenktag einen der Jahreszeit entsprechenden Strauß, wie zu den Festtagen die Schmückung eines jedes Grabes.

Die Kirche erhält 14 M mit der Bestimmung, das dieselbe derjenigen mittellosen Konfirmantin ausgehändigt werden zur Konfirmation, die sich durch sittliche und tadellose Führung das beste Zeugnis von Herrn Pastor erworben hat. Diese Konfirmantin hat dafür am 24. Mai einen Fliederstrauß und am 1. Juli einen Rosenstrauß auf jedes Grab niederzulegen.

Bei Veränderung des Zinsfuß soll das Mehr oder Weniger der Zinsen in gleiche Teile geteilt werden. Die übrigen 8 M Zinsen sollen stehen bleiben auf der Bank.

Davon sollen, wenn der Fall eintritt, daß eine Vergoldung der Inschrift der Grabsteine nötig ist, davon bezahlt werden. Die Vergoldung soll, wenn es sein kann, von der Firma Ernst Kolbe, Itzehoe ausgeführt werden. Die Rechnung von der Bank bezahlt werden.

Sollte im Laufe der Zeiten, durch jetzt nicht vorauszusehende Maßnahmen, die Pflege der Grabstätte zur Unmöglichkeit werden und sie Eingehen muß, so fallen die ganzen Zinsen an die Kirche zu wohltätigen Zwecken.“

Ein Rellinger Original war wohl Wilhelm Kähler, der als Sohn des Pastors im Pastorat neben der Rellinger Kirche aufwuchs. Als Gärtner, Baumschuler, Pionier im Rellinger Tabakanbau und schließlich als Antiqutätenhändler, war er stadtbekannt. Im (Un-) Ruhestand erfüllte er sich einen Traum, kaufte das heruntergekommene „Essensohn‘sche Haus“, restaurierte es und richtete dort mit großem Elan einen Antiquitätenhandel ein. Mit viel Geduld und noch mehr Geld entstand am Ende das wohl schönste Strohdachhaus in Rellingen – „Willem sien Huus“, wie er es nannte – und noch heute am Ehmschen 2 ein Aushängeschild für Rellingen.

Die auf dem Friedhof vorhandenen sogenannten Russen- und Polengräber erzählen ein eher trauriges Schicksal. Viele russische Kriegsgefangene wurden in den Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit auch in die Baumschulen geschickt. Diejenigen, die schon die Strapazen des Transportes nicht überstanden, wurden nach ihrer Ankunft in Halstenbek am Bahndamm verscharrt und später dann auf den Rellinger Friedhof umgebettet.

Manch alter Baumschulbetrieb, dessen Spuren sich auf dem Friedhof Rellingen verfolgen lässt, existiert heute nicht mehr, andere Betriebe sind hinzugekommen aber eine große Anzahl verkaufte ihr Land auf Grund der Nähe zur expandierenden Stadt Hamburg auch gewinnbringend als Bauland, so dass die Baumschulanzuchtflächen nach und nach immer weiter nach Norden wanderten. Gerade deshalb ist es interessant, dass die Baumschulwirtschaft mit ihren Geschichte die Gräber in Rellingen durchzieht und so einen wichtigen Teil der Entwicklungsgeschichte der größten Baumschulregion Europas unvergessen macht.

Geschichten aus dem Grabsteinmuseum

Im sogenannten Grabsteinmuseum, unweit der alten Kapelle, finden interessante alte Steine und Kreuze, die nach Ablauf der Ruhefristen abgeräumt werden mussten, ihre Aufstellung.

Darunter ist auch ein romantisches Grabkreuz, welches der Architekt Hermann Höger für seine Frau Emmi, die Tochter eines Tischlermeisters entwarf, als diese in jungen Jahren starb. Auf einem Fundament aus Sandstein steht ein Kreuz aus von der Witterung hell gewordener Eiche, um dessen Mitte sich ein zarter Kranz aus schmiedeeisernen Blattranken legt. Zumindest die Holzarbeiten wurden vom Vater und Bruder der Verstorbenen geschaffen.

Hermann Höger (1882–1950) schuf 1922 auch das Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges auf dem Kirchplatz, das 1963 von Hans-Joachim Meier erweitert wurde und seither auch der Toten des Zweiten Weltkrieges gedenkt. Die dunkelrote Gedenksäule aus Backstein ist in ihrer achteckigen Grundform dem Bau der Kirche angeglichen. Hermann Höger war ein Bruder des bekannten Baumeisters Fritz Höger, der das Chilehaus in Hamburg schuf und in dessen Werkverzeichnis auch Grabsteine des Rellinger Friedhofs aufgeführt werden.

Beide Brüder gehörten in die Reihe der Architekten, die als Vertreter der „Hamburger Reformarchitektur“ einfache Formen bevorzugten, mit sparsamer Dekoration wichtige Details betonten, überwiegend Backstein einsetzten und auch die Gartenanlagen in die Planung einbezogen.

Adresse

Hamburger Straße 24
25462 Rellingen

Eigentümer: Evang.-luth. Kirchengemeinde Rellingen

Öffnungszeiten

Friedhof ganzjährig frei zugänglich, Kirche: Do 18-19 Uhr, Sommermonate zusätzlich So 14-17 Uhr
Eintritt: kostenfrei

Anreise

Icon Parken Hamburger Straße

Icon Eisenbahn Halstenbek & Pinneberg

Icon Bus 185 „Rellingen Friedhof“

Serviceinformationen

Icon WC   Icon Hund erlaubt   Icon Rollstuhl

Angebote

Führungen: zur Kirche, T 04101 – 22760 & zum Friedhof, T 04101 – 207682
Veranstaltungen: Kirchenmusik und Musikfestivals (Kirche). Blatt- und Nadelmosaik jährlich im Herbst

Gastronomie

Icon  Cafe  Hotel Restaurant Fuchsbau
Rellinger Hof

Veranstaltungsorte

Kulturstätten: Rellinger Kirche

Gärtnereien & Läden

Gärtnereien: Natursteinvertrieb Nord
Rosenschule Gust, Rosen-Direct.de

Weiterführende Informationen

Stadtinformation Pinneberg

 

Kontakt

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