Route 4: Pinneberg
Von Baumschulbaronen und Pflanzenjägern
Allee Seestermühe

Ein erster Überblick

Allee Seestermühe Zwischen den Obstwiesen der Marsch und den Reetdachhäusern mit ihren typisch gestreiften Holzgiebeln und fröhlich blumigen Vorgärten erblickt man schon von Weitem die rund 700 Meter lange Allee am Horizont. Sie ist Relikt des ehemaligen prunkvollen Barockgartens am Herrenhaus von Seestermühe, der um 1710 für Hans Hinrich von Ahlefeldt angelegt wurde. Der königlich-dänische Diplomat war durch viele Auslandsreisen mit den modernsten Gartenschöpfungen in Versailles, Marly und Chantilly in Berührung gekommen und sammelte dort die Ideen für seinen Garten im klassisch-französischen Stil. Die lange Hauptachse des Gartens als geschnittene, vierreihige Hainbuchen- und Lindenallee spannt sich zwischen Herrenhaus und Teehaus. Im vorderen Teil spiegeln sich die fast 300-jährigen Baumgestalten in einem alten Wassergraben, wo früher Meeresgötter- und Nymphenbrunnen sprudelten. Die romantisch überwachsenen alten Kutschwege der Allee sind heute schöne, geschichtsreiche Spazierpfade.

Ein bedeutender barocker Garten

Die Allee in Seestermühe mit ihren Querstücke und auch der Wasserkanal und ein Teehaus sind die sichtbaren Überreste des ersten und besterhaltensten barocken Gutsgartens in Schleswig-Holstein. Dieser wurde im 17. Jahrhundert im Stil des klassisch-französischen Gartens nach den Prinzipien des berühmten Gartenkünstlers Le Nôtre (1613–1700) angelegt. Seestermühe war zu dieser Zeit ein bedeutendes Marschgut.

Seinen Anfang nahm das Gut bereits 1494, als der Ritter Hans von Ahlefeldt die Haseldorfer Marsch erwarb und in Seestermühe eine Burg errichten ließ, von der jedoch nichts erhalten ist.

Erst der in seiner Pracht atemberaubende Barockgarten des Gutes, der zwischen 1700 und 1710 für Hans Hinrich von Ahlefeldt (1656–1720) angelegt wurde, ist gut dokumentiert. Der in königlich-dänischen Diensten stehende Hofmann und Diplomat übernahm 1695 das veraltete Gut, führte moderne Wirtschaftsmethoden ein und entfaltete eine rege Bautätigkeit. Seine Neigung zu den schönen Künsten fand ihren Ausdruck in der Anlage eines großartigen, repräsentativen Gartens.

Vermutlich war hierbei Ahlefeldt selbst der Gestalter, praktisch unterstützt von seinem holländischen Gärtner Johann Driessen. Auf zahlreichen Auslandsreisen war Ahlefeldt mit den bedeutendsten modernen Gartenschöpfungen Frankreichs, wie Versailles, Marly und Chantilly in Berührung gekommen und er hatte möglicherweise auch Kontakt zu Charles Augustin Daviler (1653–1701) geknüpft, dem Verfasser eines französischen Gartentraktates, das die Gestaltung eines Adelsgartens genau beschrieb.

In barocker Manier erstreckte sich der Garten entlang einer langen Hauptachse, die auf das alte Gutshaus gerichtet war. Zwar ließ Hans Hinrich im Laufe der Gartenarbeiten auf einer zweiten Insel einen palastartigen Neubau errichten, dieser brannte jedoch schon 1713 in unvollendetem Zustand ab und wurde später wieder abgebrochen.

In der repräsentativen Gartenanlage wurde die zentrale Gartenachse zunächst durch einen Kanal gebildet und ging dahinter in eine vierreihige Allee (Alleé double) über. Die Allee rahmte einen Rasenstreifen (tapis vert) an dessen fernem Ende sich ein Lusthaus als Point de Vue befand. All diese Gartenelemente, sind, wenn auch in Teilen verändert, heute noch zu finden. Nicht mehr vorhanden sind die ehemals den Rasenstreifen schmückenden geschnittenen Eiben, Orangeriebäumchen, Skulpturen und Broderien. Auch zwei Blei-Plastiken, eine Najade, also eine muschelbekleidete Nymphe, und Triton, der Meeresgott, die dem Kanal eine dem Meer verbundene Note gaben, wurden von der Zeit verschluckt.

Seitlich der Gartenhauptachse schlossen sich weitere streng geometrisch-formale Gartenbereiche an. Hier gab es geschnittene Baum- und Heckenhaine (Boskette) in deren grünen Kabinetten Bänke zum Sitzen einluden. Die Heckenquartiere waren von Laubengängen und Arkaden aus berankten Gitterwänden umgeben, wie es sie auch in Versaille und Marly gab. Gartenbereiche mit ornamentalen Mustern aus farbigem Kies, Grasflächen und Pflanzen (Broderieparterres), ein Küchengarten, Obstbaumstücke und ein Gewächshaus für Orangen, Lorbeer- und Myrtenbäume vervollständigten den barocken Garten.

Ganz in der Nähe des Lusthauses, welches als Teehaus genutzt wurde, lag versteckt im Wald ein Küchengebäude, das vermutlich der sommerlichen Bewirtung im Fest- und Speisesaal des Teehauses diente.

Das damalige Teehaus wurde nach Sturmfluten und dem Besitzerwechsel an die Familie Kielmansegg um 1760 im klassizistischen Stil – sehr wahrscheinlich nach Plänen von Ernst Georg Sonnin (1713–1794), Erbauer der St. Michaelis Kirche in Hamburg – erneuert. Sonnin hatte um 1760 auch das heutige Herrenhaus für die Kielmanseggs in Seestermühe errichtet, welches im Giebel das Wappen der Familie trägt.

Die von Ahlefeldts hatten auf Grund wirtschaftlicher Schwierigkeiten, die sich aus der grandiosen Bautätigkeit ergaben, das Anwesen Seestermühe um 1750 an den Grafen Georg Ludwig von Kielmannsegg (1705–1785) verkauft.

Wiederkehrende Sturmfluten erschwerten den Erhalt der großartigen Gartenanlagen und führten dazu, dass empfindliche Gartenelemente im Laufe der Zeit verschwanden. Eine Umgestaltung in einen Landschaftspark fand in Seestermühe, vermutlich auch aus Kostengründen, jedoch niemals statt. Am Herrenhaus wurde, umgeben von den alten Burggräben, später ein auch heute noch privat genutzter und vergleichsweise bescheidener Ziergarten angelegt, der für Besucher nicht zugänglich ist.

Die beiden privat genutzten Gutsscheunen beidseits des Herrenhauses, davon die an der Schulstraße gelegene mit Glockenturm (um 1900), errichteten die Kielmansegg in der für schleswig-holsteinische Güter typischen Anordnung. An der Schulstraße liegt auch das in den letzten Jahren des 30-jährigen Krieges als ein Armenhaus errichtete und später in eine Schule umgewandelte heutige Bürgerhaus.

Die Seestermüher Alleen

Die barocken Alleen in Seestermühe haben ein Alter von bis zu 300 Jahren. Mit ihren 700 Metern Länge hat die vierreihige Hauptallee in der ebenen Marschlandschaft eine beeindruckende Fernwirkung und erzählt anschaulich die Geschichte einstiger barocker Pracht. Die Allee besteht überwiegend aus Linden. Im vorderen Teil, den Kanal begleitend, gesellen sich jedoch auch Hainbuchen dazu, die vermutlich zu einem etwas späteren Zeitpunkt gepflanzt wurden.

Ursprünglich bildeten die Bäume, in sogenannter Kandelaberform geschnitten, eine geschlossene, strenge Raumkante im barocken Garten.

Auch heute werden die Alleen wieder regelmäßig von der Gutsverwaltung geschnitten. Dies dient nicht nur dazu, die Gestaltung des Barockgartens fortleben zu lassen, sondern ist auch zur Erhaltung der Bäume unerlässlich. Ansonsten würden die schnittgewöhnten Baumveteranen durch das zunehmende Gewicht ihrer eigenen Äste über kurz oder lang auseinanderbrechen.

Bei einem Spaziergang durch die Allee begegnet man durch diese Jahrhunderte währenden Kulturmaßnahmen ganz eigentümlichen Baumpersönlichkeiten.

Grüne Weggefährten im ganzen Land

Alleen sind aus der Gartengestaltung und aus der schleswig-holsteinischen Landschaft nicht wegzudenken. Sie leiten, gliedern, verbinden Orte und bedeutende Schauplätzen und geben Wegen und Straßen ein ganz besonderes und anheimelndes Gepräge. Die grünen Linien in ihrer unterschiedlichsten Artenzusammensetzung und Ausformung sind daher ein besonderes Anliegen der Gartendenkmalpflege in Schleswig-Holstein. Ein DBU-Förderprojekt "Schutz und Pflege historischer Alleen in Schleswig-Holstein" beschäftigt sich seit 2005 mit den kulturhistorischen und ökologischen Qualitäten von Alleen und erarbeitet Grundlagen, die für die praktische Baumpflege und den Alleenschutz von Bedeutung sind.

Zu Obstblüte und Lindenschirmen

Der Ort Seestermühe an der Mündung der Krückau – der frühere Name des Flusses war Seester – liegt in fruchtbarem Marschland. Typisch für diese Gegend sind große Bauernhöfe und zahlreiche kleine reetgedeckte Katen mit farbig-weiß-gestrichenen Giebelverbretterungen und fröhlich-blumigen Vorgärten entlang des Deiches. Geschnittene Linden, oft auch als schöne „Schirme“ ausgeformt, schützen die Bauten vor Wind und Sonne.

Neben dem Anbau von Getreide ist auch der Obstbau wichtig und so prägen Obstbaumwiesen und mancher Obsthof mit Gartencafé die Landschaft entlang der mit Schafen betupften Deiche. Obstgärten und Anbauflächen für Korbweiden waren einst auch bedeutender Teil der Seestermüher Gutsanlage. Reste davon existieren noch und an den Wassergräben der Burginsel stehen noch einige alte Wallnussbäume.

Adresse

Allee Seestermühe
25371 Seestermühe
Telefon 04125 – 441

Eigentümer: privat

Öffnungszeiten

Allee ganzjährig frei zugänglich. Gut, Schlossgarten & Teehaus privat
Eintritt: kostenfrei

Anreise

Icon Parken Schulstraße

Icon Bus Anrufbus 6506 (T 04122 - 90980) „Seestermühe Birkenhof“ (ca. 12 Min. Fußweg)

Serviceinformationen

Icon Hund erlaubt  

Angebote

Führungen: Elbmarschenhaus, T 04129 - 955490

Gastronomie

Icon  Cafe  Restaurant Ton Vossbau
Rosenhof Kruse

Veranstaltungsorte

Film & Foto: Allee Seestermühe

Gärtnereien & Läden

Läden: Paradies-Gartengalerie

Weiterführende Informationen

Elbmarschenhaus

 

Kontakt

Die nächsten Veranstaltungen